Veedel in Aufruhr: Protest gegen Suchthilfezentrum. Foto: Dörthe Boxberg / Stadtrevue

»Aufgewühlt und gespalten«

Die Politik stimmt mit großer Mehrheit für ein Sucht­hilfe­zentrum am Perlen­graben. Die Nach­bar­schaft ist darüber gespalten

Seit Wochen schwelt ein Streit über das geplante Sucht­hilfe­zentrum (SHZ) am Perlengraben. ­Während eine breite Rats­mehr­heit das Vorhaben der Verwaltung unterstützt, lehnt ein Teil der ­Anwohner den Standort ab, fühlt sich nicht aus­reichend informiert und fürchtet um die Sicher­heit im Veedel. Das SHZ wird in Nach­bar­schaft mehrerer Schulen errichtet.

Gesund­heits- und Sozial­dezernent Harald Rau sagt, die ­Sicher­heit werde sich vielmehr ­erhöhen — für die Sucht­kranken wie für die Anwohner. Das SHZ ist Teil der Hilfe für Sucht­kranke, die vor allem am Neu­markt öffent­lich Drogen nehmen, darunter immer häufiger Crack. Ein Drogen­konsum­raum dort hat die Lage bislang kaum verbessert. Nun ­verfolgt die Stadt das sogenannte ­Züricher Modell, das Prä­vention, Therapie, Risiko­minimierung für Abhängige, aber auch Repression und Verbrechens­bekämpfung vorsieht. Dem Zentrum am Perlen­graben sollen zwei weitere folgen, doch wann, ist ungewiss. 

Jetzt zeigen die Woken im Viertel ihr wahres GesichtDemo-Teilnehmerin

Die neue Initiative »Südi bleibt solidarisch« begrüßt die Pläne. »Als ich den Zettel der Stadt aus dem Brief­kasten geholt habe, hab ich mich gefreut«, sagt Sprecher Sebastian Endres. »Denn das ­Problem ist ja schon da. Bei mir im Hinter­hof wird gedealt, Suchtkranke halten sich auch auf der Wiese auf, wo das SHZ entstehen soll.« Das Zentrum werde die ­Situation verbessern und nicht verschlechtern, sagt Endres. 

Andreas Zittlau vertritt die IG Pantaleons­viertel. Dort hat man Zweifel am neuen Konzept. Statt sofort weitere Sucht­hilfe­zentren zu planen, wie es im Züricher Modell vorgesehen sei, wolle die Stadt zunächst aus den Erfahrungen vom Perlen­graben lernen, sagt Zittlau. »Das macht die Leute wütend.« Auch die Wahl des Stand­orts sei nicht nach­voll­zieh­bar. »Es steht der Verdacht im Raum, dass es keinen ernst­haften Such­prozess, sondern eine Vor­fest­legung gab«, so Zittlau. »Wenn die Leute hier hören, der Stand­ort sei alternativ­los, geht ihnen die Hut­schnur hoch.« Angeblich habe die Stadt zwar 13 Stand­orte geprüft, aber eine Dokumentation sei nicht ­veröffent­licht worden. 

Sebastain Endres von »Südi bleibt solidarisch« kritisiert die IG Pantaleons­viertel, weil sie sich als Stimme des Viertel inszeniere, er stimmt jedoch zu, dass die Wahl des Stand­orts intrans­parent sei. »Diese Bedenken könnte die Stadt Köln leicht ausräumen, sie bietet sonst eine Angriffs­fläche«, sagt Endres. 

Vor der Rats­sitzung Anfang Februar steht Endres’ Initiative am Laurenz­platz. Menschen treten ans Mikrofon, appellieren an die Mensch­lich­keit. Es wird aber auch gesagt, dass ein SHZ allein nicht ausreiche. Verständnis für die andere Seite gibt es wenig. »Jetzt zeigen die Woken im Viertel ihr wahres Gesicht«, sagt eine Teil­nehmerin über die Versamm­lung der IG Pantaleons­viertel, die nur sechzig Meter entfernt steht; in den Stimm­bezirken rund um den geplanten Standort für das SHZ hatten die Grünen bei den Kommunal­wahlen die meisten Stimmen bekommen, teils mit einem Vorsprung von 25 Prozent. 

Auch der ehe­malige Innen­stadt-Bürger­meister Andreas Hupke, mittler­weile bei den Grünen ausgetreten, hat sich den Protesten gegen den Stand­ort ange­schlossen. Mitten­drin steht jetzt auch Dezernent Harald Rau und verteidigt seine Pläne. Es müsse einen Stand­ort »szenenah« am Neumarkt geben, damit das Angebot angenommen werde, sagt Rau. Für die Sicher­heit werde gesorgt, das habe auch der Polizei­präsident betont.

Manche hören Rau zu, andere fallen ihm wütend ins Wort. Seine Pläne ent­sprächen gar nicht dem Züricher Konzept, ruft jemand: »Zürich hat drei Sucht­hilfe­zentren und ist halb so groß wie Köln — dann braucht Köln sechs!« Man habe jetzt rund ein Jahr Zeit, das Kon­zept weiter­zu­entwickeln, sagt Rau — auch im Aus­tausch mit den Menschen im Viertel. Doch er erntet hier nur höhnisches ­Gelächter.

Später wird Rau in seiner Rede im Rat aber auch sagen, dass es »zwei Hürden« gebe: die Finanzierung trotz angespannter Haus­halts­lage müsse gesichert werden, und Zürich habe »eine bessere Versorgung von obdach­losen Menschen«, so Rau. »Da sind wir nicht vergleich­bar aufgestellt.« Laut Unter­suchungen ist ein Drittel aller Drogen­abhängigen in Köln obdachlos.

Stefanie Ruffen von der FDP wohnt als einzige Rednerin im Rat selbst im Pantaleons­viertel. Sie ist für den Standort, sagt aber auch: »Unser kleines Dorf mitten in der Groß­stadt ist auf­gewühlt und gespalten.» Ruffen appelliert: »Man muss sich auf der Straße nicht ­beschimpfen lassen, weil man als ­Tages­mutter durch­aus berechtigte Sorgen hat, genauso wenig wie man sich beschimpfen lassen muss, wenn man mit der Situation lösungs­orientiert umgehen möchte.« Eine breite Mehrheit im Rat stimmt schließ­lich für den Stand­ort am Perlen­graben sowie für ein »Beteiligungs­konzept«, das sich ausdrück­lich nur auf »die Aus­gestaltung des Vor­habens, nicht auf die Grund­satz- und Stand­ort­ent­scheidung« bezieht.