Spaziergang mit zornigem Underground-Poeten: Brinkmann im Depot. Foto: Birgit Hupfeld

Gesamtkunst-Rant

Mit Rolf Dieter Brinkmann durch das kaputte Köln: »Die Wörter sind böse« inszeniert von Wolfgang Menardi

Dass das Schimpfen über Köln eine Lieblingsdisziplin der Kölnerinnen und Kölner ist, birgt Potenzial für’s Theater. Legendär etwa: Karin Beiers Jelinek-Inszenierung »Das Werk / im Bus / ein Sturz«, in der sie die Bühne fluten ließ — in Erinnerung an das beschämende Verantwortungs-Roulette um den tödlichen Einsturz des Stadtarchivs.

Strategisch gesehen ist also die Inszenierung »Die Wörter sind böse« von Wolfgang Menardi schon mal ein Hit. Das Stück basiert auf den gleich­namigen Audio­aufnahmen, in dem Rolf Dieter Brinkmann vor allem eines tut: Er schimpft über Köln. Der zornige, getriebene Under­ground-Poet lief im Auftrag des WDR 1973/74 durch Köln und zeichnete seine Triaden live auf, über die Stadt, die Polizei, die Kunst, den dreckigen Himmel, die Ignoranz im Umgang mit der Vergangenheit und der deutschen Schuld. Eine Art Gesamt­kunst-Rant.

Menardis Bühne im Depot 2 sieht aus wie eine Geisterbahn: Zum Live-Schlag­zeug-Beben von Hard­rocker Nico Stall­mann blinken die Neon-Schrift­züge, »Cologne« und »Mon Amour«, flackern die Grab­kerzen, qualmt es aus einer abgebrochenen Domspitze und dem schwarzen Auto, das drohend kopfüber in der Bühnenmitte hängt. Ein schwarz gekachtelter Laufsteg führt im Kreis durch die düstere Seelenlandschaft. Darauf werden die fünf ­Leder­jacken­träger:innen, die nun zombihaft zuckend die Bühne ­entern, in den folgenden 90 ­Minuten viel rennen müssen.

Das ist auch schon der Haken der insgesamt gelungenen Bühnenadaption: Emotion wird hier weitgehend über Lautstärke, Stress und sich krümmende Körper erzeugt. Leise Töne, Grauzone, Uneindeutiges: Fehlanzeige. Im Hör­spiel ist das anders, Brinkmann trägt wüsteste Beschimpfungen oft fast in Nachrichtenton vor. Aus diesem Kontrast entstehen Witz und Traurigkeit.

Fünf Personen, alle im gleichen 70er-Jahre-Look mit Langhaarperücke, sprechen im Wechsel, rhythmisch, angespannt, fiebrig. Neben Texten und O-Tönen aus »Die Wörter sind böse« sind auch Gedichte von Brinkmann zu hören. Menardi findet deutliche Bilder, die den rastlosen Gedanken und der Outlaw-Attitüde des Autors gerecht werden.

Ärgerlich ist, dass keine ex­plizite Auseinander­setzung mit Brink­mann und seinem Werk stattfindet. Sein Sexismus, seine unangemessene Selbst­über­höhung und die Verletzungen, die jedes Wüten, auch das künst­le­rische, hinterlässt, poltern weit­­gehend unkommentiert durch den Bühnenraum.

Schauspiel Köln, Depot 2, 6.3., 19:30 Uhr, 15.3. 19 Uhr