Wild wucherten die Visionen: Carlsgarten im Depot Mülheim; Foto: Ana Lukenda

Das Unbehagen im Depot

Das Depot 1 soll zum Musicaltheater werden. Der Tanz- und Theaterszene im bleiben jetzt nur wenige Quadratmeter. Sinnvolle Realpolitik – oder ein Ausverkauf Kölner Kulturorte?

Das Mülheimer Depot, nur als Interimsspielstätte gedacht, entwickelte sich im Laufe der unfreiwilligen Baustellen-Verlängerungen zu einem geradezu magischen Spielort. Dazu trug auch die urbane Landschaft zum Selbergärtnern bei: Hier herrschte einst öde Betonwüste, unter Intendant Stefan Bachmann begann das Carlswerk-Gelände zu blühen, war ein spannendes urbanes Entwicklungsprojekt. Mit Kinderparadies zum Toben, dem Mini-Container-Theater namens »Grotte«, einem aufgeschütteten Hügel, Tunneln, Brücken, lauschigen Ecken. 

Dass dieser Ort für Kultur erhalten bleiben sollte, wurde vom Rat im Juni 2023 klar bestätigt. Mehr noch: Eine AG Depotopia aus Vertretern von Schauspiel, Stadt und Freier Szene Tanz und Theater entwickelte ein bahnbrechendes Nutzungskonzept: ein »Kooperationshaus für Tanz und Performance« sollte dort entstehen, ein »nachhaltiger Kulturort mit Modellcharakter«, kuratiert von unabhängiger Leitung. Ist diese Vision jetzt gestorben, weil ein Musical-Theater in die größere Hälfte des Depots zieht?

Tatsächlich ist die Nachricht bei weitem nicht so überraschend, wie sie von manchen dargestellt wird. Seit den Kürzungsankündigungen 2023 hat die Stadt Köln mit dem Musical-Betreiber Frank Blase verhandelt, dessen Firma Apiro-Entertainment im Belgischen Viertel sitzt und mit seinen deutschen Original-Produktionen meist die Volksbühne am Rudolfplatz bespielt hat — vor allem mit dem Musical »Himmel und Kölle«, laut eigenen Angaben ein Erfolg mit rund 140.000 Zuschauern. Ins Depot 1 will er ab November »Kick it like women« welturaufführen, ein Abend über Frauenfußball. Zudem sollen Foyer und Garten neu gestaltet — aber keinesfalls abgeschafft werden.Sondern mit Holzhäuschen und Verschönerungen weiter für das Stadtviertel geöffnet werden: »Ich kann die Enttäuschung der Szene voll verstehen, dass sie nur noch die kleinere Bühne nutzt. Aber wir sehen uns in der Pflicht, gute Nachbarn zu sein und in fünf Jahren der Freien Szene etwas Schönes zu übergeben«, sagt Blase. Eine automatische Verlängerung gebe es in seinem Vertrag nämlich nicht — nur die rechtlich nicht bindende Möglichkeit, nach drei Jahren eine Verlängerung zu verhandeln. Blase träumt, so sagt er, von einem niederschwelligen Spielort, der für alle im Viertel wie auch für Besucher von außerhalb zugänglich sei, und vielleicht gebe es ja auch mit der Freien Szene Tanz im Depot 2 Synergieeffekte, gar Zusammenarbeit — wenn die Szene das wolle. Die »Grotte« und der Hügel auf dem Gelände würden zwar ­abgebaut, seien aber ohnehin renovierungsbedürftig gewesen.

Zudem scheint klar: Ohne die Miete des Musical-Untermieters wäre das gesamte Konzept eines neuen Koproduktionshauses für Tanz und Performance in Gefahr gewesen. »Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass der Untermieter Apiro einzieht, weil wir auf seine 500.000 Euro Miete pro Jahr angewiesen sind, damit die Freie Szene die andere Hälfte der Bühne bespielen kann. Wenn er nicht kommt, fehlt das Geld«, sagte die kaufmännische Leitung des Kooperationshauses im Depot Lena tom Dieck noch im Dezember 2025 auf einer Podiumsdiskussion. Ohne die Miete von rund 500.000 Euro, die diese Vermietung einbringe, sei die Entwicklung eines Produktionshauses für den Tanz nach den Kürzungen der Stadt Köln kaum noch denkbar.

»Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass in einigen Jahren das ganze Depot ein Produktionszentrum für freie Darstellende Künste Schwerpunkt Tanz wird«, sagt auch Manuel Moser vom Vorstand des Vereins Darstellende Künste (VdK) maßvoll optimistisch. Einzig von der Art und Weise, wie die AG Depotopia kommunikativ übergangen worden sei, sei man teilweise enttäuscht. Der VdK werde auf Bühnen und Musicalbetreiber zugehen, um gemeinsam weiter am Konzept Kooperationshaus zu arbeiten. Auch Lena tom Dieck sieht das Positive: »Das Depot wird das Kooperationshaus für die Freie Szene und den Tanz, das Köln fehlt, davon bin ich fest überzeugt — auch wenn es langsamer geht als gedacht.«

Ohne die Miete des Musical-Untermieters wäre das gesamte ­Konzept eines neuen Koproduktionshauses für Tanz und Performance in Gefahr ­gewesen

Ist das Depot 2 also so eine viel schlechtere Option? Ist es nicht für Produktionen der Freien Szene Tanz sogar besser geeignet? Da es weniger Personal benötigt, ist es mit deutlich weniger Fixkosten zu unterhalten — was mit der Kürzung der Betriebskosten der Bühnen auf 1,25 Mio. Euro sicher besser zusammenläuft. Und auch wenn es nicht ganz so schnell läuft und so gut ausgestattet ist, wie sich die AG Depotopia am Anfang gewünscht hatte: Nach wie vor soll eine unabhängige künstlerische Leitung das Programm des neuen Spielorts gestalten, die beim Kulturamt angesiedelt ist — zwischen Tanz, Freier Szene und auf Augenhöhe mit dem Schauspiel Köln. Auch die 500.000 Euro Programmgelder für die Freie Szene Tanz sind noch gesetzt. »Das ist kein kleines Budget«, sagt Manuel Moser, höher sei es als für manches freie Haus in Köln: »Wir setzen darauf, dass sich das neue Haus weiterentwickeln kann bis zu einem echten Koproduktionshaus.« Denkbar ist vielleicht doch, Musical und ein neues Haus für die Freie Szene Tanz nebeneinander stehen zu lassen.

Heike Lehmke, Geschäftsführerin des nrw landesbuero tanz, bleibt kritisch. »Die 500.000 Euro für den Tanz sind vom Rat bewilligt — aber seit einiger Zeit wird nicht mehr viel von ihnen gesprochen, das macht mich skeptisch«, sagt sie etwa. Sie zeigt sich fassungslos darüber, dass der Tanz in der Millionenstadt Köln erneut keine große Bühne wie das Depot 1 erhält, vor allem aber, dass man sich nicht zu einem großen Wurf für den Tanz entschließe. »Genau so eine Bühne fehlt seit Jahrzehnten in Köln — und bedeutet, dass große Produktionen und damit starke künstlerische Positionen stets in andere Städte ausweichen müssen. Dabei waren wir so nah dran wie nie zuvor.«

Ihre Wut ist verständlich, nachdem die Stadt Köln der renommierten Choreografin Marlene Monteiro Freitas als neuer Tanzkompanie hochnotpeinlich wieder abgesagt hat. Für eine Stadt, die Weltgeltung beansprucht, ist das absolut unangemessen. Und so stapelt die Stadt mal wieder tief, zerfleddert große, gemeinschaftlich gestaltete Visionen. Zur Ehrenrettung muss man sagen: Ganz vom Tisch sind sie nicht, in Anbetracht der Haushaltslage wurde hier erstmal ein Kompromiss gefunden. Auf das neue kleine Produktionshaus Freie Szene Tanz in Entwicklung kann man immer noch gespannt sein.