Furchtlos: Imogen Poots

»The Chronology of Water«

Kristen Stewart bringt in ihrem Langfilmdebüt die Romanvorlage von Lidia Yuknavitch kongenial auf die Leinwand

»Glück? Glück macht schlechte­ ­Geschichten.« Das Zitat von Ken Kesey stellt die US-Amerikanerin Lidia Yuknavitch ihrem autobiografischen Debütroman »The Chronology of Water« als Epigraph voran — um daraufhin ihre eigene Geschichte mit der Totgeburt ihrer Tochter zu beginnen. Es ist nicht das einzige existenzielle Unglück, mit dem sie umgehen muss.

Ihr Vater hatte sie und ihre Schwester als Kind sexuell missbraucht. Ihre Mutter schaute weg. »Meine Mutter brachte meine Schwester und mich in die Welt meines Vaters«, schreibt Yuknavitch. Diese patriarchale Welt war eine Welt der Angst. Lidia entflieht ihr als Kind und Jugendliche so gut es geht ins Schwimmbecken und in die eigene Imagination, die sie mit Bleistift zu Papier bringt. Sie schwimmt und schreibt und schwimmt und schreibt. Aufgrund ihrer sportlichen Erfolge kann sie ein Stipendium für eine Uni ergattern. Befreit von der väterlichen Autorität beginnt sie ein selbst­zer­störerisches Leben voll von Drogen und Sex — fuck the pain away. Eine erste Beziehung hilft da nicht: Er ist Folkie, sie ist voller Punkenegie. »Ich kann nicht ertragen, wie nett er ist«, sagt sie voller Verachtung — und wird von ihm schwanger. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Stewarts Film ist radikal nichtlinear: Ständig blitzt Vergangenes auf, Zukünftiges erscheint für Sekundenbruchteile

Ende der 80er Jahre besucht Lidia einen Schreibkurs bei Ken Kesey, Autor von »Einer flog übers Kuckucksnest«, Held einer vergangenen Gegenkultur. Er wird ihr künstlerischer Ziehvater. Sie wagt sich erstmals mit Texten an die Öffentlich­keit, die schonungslos roh und autobiografisch sind.

Es ist der Stoff aus dem eine typische Künstler­biografie gemacht ist: Trauma und Traurigkeit werden sublimiert in Texte, Musik, Malerei … und am Ende steht der Erfolg (wenn auch in manchen Fällen erst postum). Die Ver­filmungen solcher Künstler­leben sind ebenso beliebt wie in der ­Kritik oftmals schlecht beleumundet wegen ihrer Formelhaftigkeit. In einer Art per­for­ma­tivem Wider­­spruch werden exzentrische, inno­vative, visionäre Künstler*innen gern mit filmischen Erzählungen gefeiert, die konventioneller kaum sein könnten.

Kristen Stewart geht in ihrer Verfilmung von Yuknavitchs Roman, deutscher Titel »In Wasser geschrieben«, einen ganz anderen Weg. Ihr Langfilmdebüt als Regisseurin und Drehbuchautorin ­versucht tatsächlich so etwas zu finden wie eine filmische Entsprechung zu Yuknavitchs Sprach­energie und frag­men­tierten Erzählweise. Es überrascht nicht, dass die Schau­spielerin Stewart eine tolle Regisseurin ihres Ensembles ist — besonders Imogen Poots liefert in der Haupt­rolle eine furchtlose Performance ab. Dass sie aber zudem ein ganz eigenes visuelles und formales Konzept für ihren Film gefunden und konsequent umgesetzt hat, ist alles andere als selbst­verständlich.

»Meine Erinnerung an Dinge ist ein kurzes Aufblitzen auf der Netzhaut. Ungeordnet«, schreibt Yuknavitch. »Das Leben läuft schließlich auch nicht geordnet ab. Ereignisse stehen nicht in diesem Verhältnis von Ursache und Wirkung, das man sich wünschen würde. Sie sind bloß eine Abfolge von Fragmenten und Wiederholungen und Mustern. Etwas das Sprache und Wasser gemeinsam haben.«

Entsprechend ist Stewarts Film radikal nichtlinear: Ständig blitzt Vergangenes auf, Zukünftiges erscheint für Sekundenbruchteile — nicht nur auf der Bild-, sondern auch auf der Tonebene. Die analogen 16mm-Aufnahmen geben dem Ganzen zudem die Unschärfe von Erinnerungen. Die im Voice-over immer wieder zu hörenden inneren Monologe Lidias sind dabei nicht bequeme erzählerische Abkürzung oder Ausweise mangelnder visueller Imagination, sondern integrale Bestandteile der Puzzlearbeit der Sinn­produktion und geben Zeugnis von Yuknovichs Sprachkunst.

Zunächst ist es nicht leicht, im Buch wie im Film die Orientierung zu be­halten. Erst nach und nach schält sich so etwas wie eine Erzählung heraus zwischen dem Störfeuer der Netzhautblitze. Die Erfahrung gleicht in mancher Hinsicht einer Meditation, in der der Geist zunächst immer wieder auf ein Gedanken­karussell springt, auf dem Vergangen­heit und Zukunft, Wünsche und Ängste herumwirbeln, erst mit der Zeit sortiert sich der innere Bilderfluss. Im letzten Kapitel hat Lidia gelernt, im Augenblick, in der Gegen­wart zu sein. Die Abfolge der Bilder ist nun klar, der Ursache folgt eine Wirkung. Lidia hat ­gelernt, an Land zu leben.

USA/F/LV 2025, R: Kristen Stewart
D: Imogen Poots, Thora Birch, James Belushi
128 Min. Start: 5.3.