Analog ist besser: Regisseur Ryan Coogler mit Schauspielern und 65mm-Kamera am Set von »Sinners« © 2025 Warner Bros. Entertainment Inc.

Kino von Format

Was sagt das Vinyl-Revival über die aktuelle Filmkultur? Eine etwas andere Betrachtung der diesjährigen Oscarverleihung

Mit dem Vinyl-Revival, das ungefähr um die Wende zum 21. Jahrhundert einsetzte, ist eine Zahl besonders verbunden: 180. So viele Gramm wogen plötzlich viele Schallplatten, die wieder und in größer werdenden Stückzahlen gepresst wurden. Das war keine Rückkehr zu einem früheren ­Standard — der lag bei 120 bis 150 Gramm —, sondern eine besondere Blüte des Revivals. Wer Vinyl hören wollte, bekannte sich zum haptischen, hochwertigen Genuss — mit entsprechenden Folgen für den Geldbeutel.

Was das mit der diesjährigen Oscar-Verleihung zu tun hat? Für die hat eine andere Zahl eine vielleicht ähnliche Bedeutung: 70. Wer zum Starttermin die bestmögliche Projektion der beiden Filme sehen wollte, die dieses Jahr die meisten Oscarnominierungen auf sich vereinen, musste zu einem 70mm-IMAX-Kino reisen. Sowohl Ryan Cooglers »Sinners«, rekordbrechende 16 Nominierungen, als auch Paul Thomas Andersons »One Battle After Another«, 13 Nominierungen, wurden in den wenigen Kinos auf der Welt präsentiert, die dieses Format überhaupt abspielen können (in Deutschland gibt es nicht ein einziges). Natürlich nicht nur, die meisten Menschen werden die Filme als gewöhnliche digitale Vorführung gesehen haben — aber gerade die analogen Vorführungen auf 35mm und 70mm waren ein wichtiges Marketingtool.

Das mag auf den ersten Blick Spezialwissen für Kinonerds sein — wobei das Format großen Einfluss auf das hat, was man auf der Kinoleinwand zu sehen bekommt. Doch darum soll es in diesem Text nicht gehen.
Ein letzter Ausflug in die Welt der Filmformate. 70mm-Film gibt es schon seit den frühesten Tagen der Filmgeschichte, auch wenn sich 35mm schnell als Standard durchsetzen sollte. Eine wirkliche Bedeutung bekam das Format allerdings erst in den 50er Jahren, als es für große Musicals oder epische Historienfilme genutzt wurde — ein Versuch, der zunehmenden Konkurrenz des Fernsehens ein einmalig immersives Kinoerlebnis mit möglichst großer Bildauflösung auf einer möglichst großen Leinwand entgegenzusetzen. Eine ähnliche Geschichte hat das Format Vistavision, das 1954 von Paramount eingeführt wurde, dabei läuft gewöhnlicher 35mm-Film horizontal und nicht vertikal durch eine Filmkamera, was die Bildfläche des Negativs mehr als verdoppelt. 

Paul Thomas Anderson hat Vistavision-Kameras für »One Battle After Another« verwendet, Ryan Coogler 65mm-Kameras für »Sinners« (65mm Film wird im Kino auf 70mm projiziert). Sie sind nicht die einzigen: Andere Oscargewinner oder zumindest mehrfach nominierte wie Brady Corbet (»The Brutalist«), Christopher Nolan (»Oppenheimer«) und Quentin Tarantino (»The Hateful Eight«) haben ebenfalls in den vergangenen Jahren in diesen Formaten gedreht.

Das Autorenkino baut auf spektakuläre analoge Bild- und ­Handwerkskunst

Diese technische Rückkehr in die 50er Jahre ist sicherlich kein Zufall. So wie damals das Fernsehen das Kino bedrohte, sind es spätestens seit der Corona-Zeit die Streamingdienste, die das Kinopublikum weiter schrumpfen lassen. Das Autorenkino hat nicht die Möglichkeit, dem die Spektakel der Superheldenfilme entgegenzusetzen, es baut stattdessen auf eine andere Form von »großem Kino«: auf spektakuläre analoge Bild- und Handwerkskunst. Fünf der zehn Filme, die dieses Jahr für den Oscar für den besten Film nominiert sind, wurden analog ­gedreht.

Zumindest im Fall von »Sinners« ging das Gesamtpaket finanziell auf. Bei einem Produktionsbudget von an die 100 Mio. Dollar spielte er weltweit mehr als 350 Mio. Dollar ein — als ungefähre Regel gilt, dass ein Film die 2,5-fache Summe seines Budgets einspielen muss, um in die Gewinnzone zu kommen. »One Batte After Ano­ther« kam dagegen bei einem Produktionsbudget von um die 150 Mio. auf nur etwas über 200 Mio. Einspielergebnis.

Die Schallplatte hat ein fantastisches Revival hingelegt, doch die Musikindustrie gerettet hat sie nicht — über acht Prozent ist ihr Marktanteil im letzten Vierteljahrhundert nie hinausgekommen. Und so werden auch Edelproduktionen wie »Sinners« und »One Battle After Another« das Kino nicht retten. Vielleicht passt eher ein Vergleich mit der Haute Couture in der Modeindustrie. Luxusmarken leisten sich diese Einzelstücke aus Prestige- und Marketinggründen, auch wenn sie schon lange keinen Einfluss mehr auf den Massenmarkt haben. Und so läutet auch diese Oscarverleihung kein Revival ein, sondern zeigt, was man sich ausnahmsweise zu leisten bereit ist.

Die Academy Awards werden am 15.3. verliehen und auf ProSieben übertragen