Immer was Neuss
Thomas Schütte
Am Anfang war der Pringle
Allein die Skulpturenhalle ist einen Besuch in Neuss-Holzheim wert. Das attraktive Ausstellungsgebäude liegt zwischen der Museumsinsel Hombroich, der Langen Foundation, der Raketenstation Hombroich und dem Kirkeby-Feld. Alle diese Einrichtungen existieren dank privatwirtschaftlichem Engagement und überzeugen architektonisch auf ganzer Linie. Das gilt insbesondere für die nach Modellen von Thomas Schütte (*1954) erbaute Skulpturenhalle.
Zunächst trieben den Bildhauer und Zeichner ganz pragmatische Gründe zu diesem ambitionierten Museum mit einem riesigen Depot für seine eigenen Werke: »Ich traue den Großspeditionen nicht mehr. Ein vernünftiges Lager kostet so viel wie eine Miete in der Innenstadt.« Wenn Schütte, dessen Arbeiten seit 1979 in mehr als 300 (inter-)nationalen Ausstellungen gezeigt wurden, nun eine Ausstellung vorbereitet, begibt er sich mit den Kurator:innen in das Lager unter der Skulpturenhalle. Er erzählt: »Eine halbe Stunde, Sticker an die Kiste, und sie kann am nächsten Tag abgeholt werden. Keine Formalitäten, kein Papierkram.« Heißt im Umkehrschluss: Der Düsseldorfer Künstler verkauft nicht alle Arbeiten, sondern behält immer einen Teil zurück. Er kann es sich leisten.
Die Architektur ist schon lange ein wiederkehrendes Element in seiner Kunst. Schütte entwarf Modelle für imaginäre Bauten — 1982 auch für ein Museum —, von denen einige sogar Umsetzung fanden, darunter ein »Eis-Tempel« für die documenta 8, »One Man Houses« und ein »Ferienhaus für Terroristen«. 2012 entstand die Idee zur Skulpturenhalle, deren erster Entwurf auf eine einfache Streichholzschachtel zurückgeht. Bedeckt war sie mit einem Pringle-Kartoffelchip.
Der skulpturale Wert des eleganten Gebäudes ist offensichtlich. Der elliptische Hauptausstellungsraum mit gegossenen Betonwänden und geöltem Betonboden erhält viel Licht durch ein Fensterband unterhalb des geschwungenen Dachs sowie mehrere Glastüren. In seinem Inneren befindet sich ein zweiter, kleiner Raum mit herzförmigem Grundriss. Schütte vergleicht die architektonische Idee mit einer Matrjoschka, den inneren, intimeren Raum mit einer Kapelle. Ergänzt wird die Ausstellungshalle durch ein eigenständiges Verwaltungsgebäude mit Kasse, Bibliothek und Büro, das durch einen schornsteinartigen Aufbau beleuchtet wird. 2022 kam ein ovales Archiv, das ebenfalls als Ausstellungsfläche genutzt wird, zum Ensemble hinzu.
Für den Betrieb der Skulpturenhalle hat Thomas Schütte eine Stiftung gegründet, die sich später auch um seinen Nachlass kümmern wird. Seit 2016 werden in der Halle jährlich — meist zwei — Ausstellungen von plastisch arbeitenden Künstler:innen ausgerichtet. Viele von ihnen gehören wie Schütte zu den Babyboomern. Es sind überwiegend Freund:innen und Weggefährt:innen, die, laut Schütte, selten gezeigt werden. So waren es in den letzten Jahren u.a. Reiner Ruthenbeck, Anna Viebrock, Norbert Prangenberg, Harald Klingelhöller und Bertram Jesdinsky. Mit Jane und Louise Wilson bringen nun zwei Künstlerinnen zum ersten Mal Bewegtbild in die Skulpturenhalle.
Das ist nicht alles: Die Thomas Schütte Stiftung verfolgt nach wie vor neue Projekte. Das jüngste ist die GARAGE in der Düsseldorfer Hüttenstraße, die für drei Jahre gemietet und umgebaut wurde. Derzeit werden dort Pflanzenfotografien von Gino Bühler gezeigt — »auch wieder ein Werk, das mal an die Luft muss, aber für die Skulpturenhalle nicht passend ist«, wie Schütte salopp erklärt. Auf den weiten Horizont hinter den flachen Feldern am Rande von Neuss, die im Abendlicht so betörend wirken, wird man dort allerdings verzichten müssen.
Jane und Louise Wilson
Zwillinge im NATO-Bunker
Ein DAAD-Stipendium in Berlin zur Nachwendezeit hat Jane und Louise Wilson stark geprägt. Einer der ersten Orte, die sie mit der Kamera erforschten, war die ehemalige Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Unter dem Titel »Stasi City« hielten sie 1997 die perfide Überwachungsarchitektur mit langen Korridoren, gedoppelten Räumen und Türen sowie Schränken voller Monitore fotografisch und filmisch fest. Die Zeugnisse des Kalten Krieges haben die 1967 in Newcastle geborenen Künstlerinnen seitdem nicht mehr losgelassen.
Die nun in Neuss gezeigten aufwändigen Vier-Kanal-Videoinstallationen auf großen LED-Wänden, die wie Skulpturen im Raum stehen, beleuchten ihre investigative Herangehensweise. Für die Arbeit »Gamma«, die ihnen 1999 die Nominierung für den Turner-Prize einbrachte, erhielten die Schwestern nach hartnäckigem Bitten Zutritt zum stillgelegten amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Greenham Common. Das brisante Terrain in Berkshire, in dem Atomwaffen lagerten und das auch von den Russen regelmäßig inspiziert wurde, durfte nur zu zweit betreten werden. Durch klaustrophobische Gänge und Fahrstühle — oft gespiegelt in doppelten Filmbildern und im Maßstab 1:1 — folgt man nun den eineiigen Zwillingen und ihrer Kamera, die die verlassenen Kommandozentralen, Büros und Bunker erkundet.
Man kann nur je zwei der vier Screens der Installation gleichzeitig erfassen. Dazwischen öffnet sich in den Glastüren die reale Landschaft. Auch die Neusser Felder der Umgebung beheimateten einst eine NATO-Station mit Hangars und unterirdischen Bunkersystemen. »Es ist der perfekte Ort für unser Werk«, bringt es Jane Wilson auf den Punkt. Dass ihre Kunst durch die Weltpolitik und ihren Kriegsgefahren so aktuell werden würde, gehört zu den traurigen Erkenntnissen dieser von Juliane Duft klug kuratierten Ausstellung — die erste in Deutschland seit 20 Jahren.
»Proton, Unity, Energy, Blizzard« handelt ebenfalls von Militärarchitektur, genauer dem Kosmodrom in Baikonur/Kasachstan. Von hier aus war Juri Gagarin 1961 als erster Mensch ins All gestartet. Heute wäre es undenkbar, so weit in das Zentrum der russischen Raumfahrt vorzudringen und Montagehallen, Abschussrampen und Trägerraketen zu filmen. Damals glaubten die Zwillinge noch, die seit 1989 als Künstlerduo zusammenarbeiten, in eine überwundene Epoche zu blicken. »Nach dem Ende des Kalten Kriegs gab es eine »Alles ist möglich«-Stimmung. Wenn wir die Arbeit aber heute zeigen, fühlt sich alles wie eine stehengebliebene Vergangenheit an, und nicht wie die Zukunft.«
25 Jahre nach dem bisher folgenschwersten Reaktorunfall reisten Jane und Louise Wilson auf Einladung ins ukrainische Tschernobyl. Im Mittelpunkt ihrer Forschungen stand der Dokumentarfilm, den Vladimir Shevchenko 1986, im Jahr der Nuklearkatastrophe, mit einem kleinen Team gedreht hatte. Die Wilsons verewigten seine hoch kontaminierte Kamera in Bronze, der Filmemacher selbst ist kurze Zeit nach den Dreharbeiten an der Strahlenkrankheit gestorben. Vor diesem Hintergrund zuckt man vor der »Toxic Camera« ein wenig zusammen. Birgt diese Skulptur, die auf einem giftgrünen Plexiglassockel ruht, womöglich noch die tödliche Gefahr?
Von ihrer Expedition brachten die Künstlerinnen noch Bilder aus dem Archiv von Tschernobyl mit. In die Szenen vor der Katastrophe aus der Planstadt Prypjat, die im Zusammenhang mit dem Bau des Kernkraftwerks gegründet wurde, haben sie Yardsticks collagiert. Diese zollstockartigen Messstäbe mit der veralteten britischen Maßeinheit ziehen sich leitmotivisch durch das Werk der Wilson-Twins, stellen Fragen zur technischen Beherrschbarkeit der Welt — und berichten von deren Scheitern.
Skulpturenhalle Neuss, Neuss-Holzheim, Lindenweg /Ecke Berger Weg; Fr–So 10–18 Uhr
Jane und Louise Wilson, »Countermeasures«, bis 16.8.