Sanfter Exzentriker
Jimi Tenor ist einer dieser Musiker, die man seit Jahren »kennt«, ohne sie je ganz zu fassen. Er ist stets präsent gewesen, aber nie so richtig etabliert; unermüdlich, dabei selten berechenbar. Seine Karriere wirkt wie eine alternative Musikgeschichte, in der sich Jazz, Funk, Elektronik, Afrobeat und Easy Listening nicht als klar getrennte Kapitel, sondern als ineinander verschobene Ebenen entziffern lassen. Ein Gratwanderung, mal nerdig, mal raffiniert.
Das hat dem finnischen Saxofonisten den Ruf eines Exzentrikers eingebracht. Aber Tenors Musik ist nicht bloß spleenig. In ihren besten Momenten ist sie eine präzise Kommentierung popkultureller Routinen. Weg vom Kanon, weg vom schnell Verwertbaren — das ist seine Haltung. Gegen das Glattbügeln, gegen die Erwartung, dass sich ein Künstler irgendwann »findet« und dabei bleibt. Seit über dreißig Jahren wagt er die Gratwanderung, aufgebrochen aus finnischem Experimental-Techno und später Sun-Ra-Magie.
Auch seine neue Band, die während der Pandemie zusammenkam, passt gut in dieses Bild. Ein durchaus pragmatisch orientiertes Ensemble, das sich nicht viel um Etiketten schert. Ihr Debütalbum »Selenites, Selenites!« (2025, Bureau B) klingt weniger nach Produkt als nach Dokument: Momentaufnahme einer Gruppe, die sich gegenseitig zuhört, statt ihre Rollen abzuspulen. Der oft beschworene »rohe«, unfertige Sound ist hier kein Fetisch, sondern Konsequenz einer Arbeitsweise, die Eigensinn höher bewertet als Perfektion.
Jetzt wird Tenor 60. Interessant geblieben ist er als Figur zwischen den Szenen. Er gehört weder zur Jazz-Tradition noch zur elektronischen Clubkultur, bedient nicht diese hechelnde Weltmusik-Verwertungslogik. In Zeiten, in denen Genre-Zugehörigkeit wieder als Identitätsmarker gehandelt wird, wirkt das wohltuend altmodisch: Musik als Spielmaterial, nicht als Flagge.
Tenor ist kein Prediger, kein großer Erklärer, kein Transzendentalist. Mehr ein sanft ironischer Zeremonienmeister, der Groove zulässt, aber nicht durchpeitscht, der Retro-Referenzen streut, ohne in Nostalgie zu schwelgen, und der Spiritualität zitiert, ohne in Pathos zu versinken. Seine Konzerte sind keine »Events«, eher temporäre Parallelwelten, in denen Jazz und Elektronik im Medium der Science-Fiction für zwei Stunden verschmelzen. Tenors Veröffentlichungen provozieren immer wieder Neugier — auf einen Künstler, der sich seit Jahrzehnten erfolgreich der Eindeutigkeit entzieht.
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