Ver-Kalk-uliert
Ozan Ata Canani steht auf dem Kulturhof in Kalk und schaut auf die ehemalige Industriehalle gegenüber, die ein Stück seiner Familiengeschichte erzählt. Dort, in der Halle 70, arbeitete Cananis türkischer Vater als Schweißer. Seine Erfahrungen hätten an diesem Ort weitergegeben werden können: im »Museum Selma«, das das Leben von nach Deutschland Zugewanderten in der Halle 70 dokumentieren sollte. Doch dem von Bund und Land geförderten Projekt fehlen 33 Mio. Euro. Zu sehr seien die Baukosten gestiegen in der Zeit, in der man mit der Stadt Köln über den Standort verhandelt habe, sagt Timo Glatz vom Museumsträger Domid.
Bund und Land zahlen die entstandenen Mehrkosten wegen der Haushaltslage nicht. Die Stadtverwaltung prüft nun, ob das Museum in Sonderausstellungsräumen des Rautenstrauch-Joest-Museums untergebracht werden kann. Dort stünde dem Migrationsmuseum laut Domid die Hälfte der Ausstellungsfläche und insgesamt ein Fünftel der Fläche zur Verfügung.
Dieses Museum ist Teil der deutschen GeschichteDiana Zulfoghari
Ozan Ata Canani, der als Musiker für seine Lieder über Gastarbeiter:innen bekannt ist, hält den Standort am Neumarkt für einen Fehler. »Ein Arbeitermuseum gehört in ein Arbeiterviertel und nicht in eine Kapitalisten-Gegend«, sagt er. Canani ist zu einem Treffen der kürzlich gegründeten Initiative »Selma bleibt« im Kalker Kulturhof gekommen. Die will nun politischen Druck erzeugen, damit das Museum in Kalk eröffnet — zur Not auf einer kleineren Fläche, solange es an einem platztechnisch und thematisch würdigen und geeigneten Ort entstehe, so der Tenor.
Dass dies die Halle 70 sein sollte, war zwischen Domid und der Stadt lange Zeit nicht vertraglich geregelt. Die Stadtverwaltung bestätigte erst im Frühjahr 2024 nach einem Ratsbeschluss, die Halle als altlastenfreies und von den anderen umgebenden Industriehallen abgetrenntes Gebäude zur Verfügung zu stellen. Damals waren die Fördergelder bereits seit vier Jahren im Bundeshaushalt eingeplant. Ein weiteres Jahr später konnte Domid den Erbbaurechtsvertrag unterschreiben.Über die Jahre drang laut Timo Glatz von Domid durch einen Schaden im Dach Wasser in die Halle ein. »Ihr Zustand verschlechterte sich massiv.« Erst im November 2024 sei das Dach provisorisch abgedichtet worden. Laut Stadt Köln stand nach »engen Abstimmungen« mit Domid schon vor Abschluss des Erbbaurechtsvertrags fest, dass zusätzliche Planungen »in deutlich höherem Maße« als ursprünglich angenommen nötig seien.
Die Initiative »Selma bleibt« kritisiert, dass die Verhandlungen zwischen Domid und Stadt ohne Einbezug der Öffentlichkeit stattgefunden hätten. »Mit der Prüfung des Neumarktes als Standort wurde die Stadtgesellschaft vor vollendete Tatsachen gestellt«, sagt Jan Schlagenhauf, der für die Linke in der Bezirksvertretung Kalk sitzt und sich auch bei »Selma bleibt« engagiert.
Auf die Frage, warum die Öffentlichkeit nicht früher unterrichtet wurde, verweist Domid darauf, dass die Kommunikation nach außen »eng mit den Zuwendungsgebern abgestimmt war«. Grüne und Linke haben einen Änderungsantrag eingereicht, der vom Rat beschlossen wurde. Nun soll der Neumarkt als Interim geprüft werden, damit das Museum dann später ins Rechtsrheinische umziehen kann. Doch vom Bund gibt es nur Geld für einen dauerhaften Standort. Und wenn dieser inklusive Museumsplanung bis zum Endes des Jahres nicht vorliegt oder bis dahin kein Finanzierungsplan für Kalk steht, verfallen die Fördermittel.
Für Domid ist ein dauerhafter Standort am Neumarkt in einem bereits funktionierenden Kulturbetrieb die Rettung. Für »Selma bleibt« ist es der schon geplante Standort Kalk — für den nun noch 33 Mio. Euro zusammenkommen müssten.
Unterstützer:innen halten das für machbar. »Verglichen mit dem Bau der Oper zum Beispiel ist das nicht viel Geld. Daran darf ein solches Projekt doch nicht scheitern!«, sagt die Journalistin Diana Zulfoghari, die den Nachlass ihres nach Deutschland zugewanderten Onkels dem Museum Selma vermacht hat. Dass niemand die Mehrkosten für das einzige Migrationsmuseum Deutschlands bezahle, sei »ein Armutszeugnis«, findet Zulfoghari. »Dieses Museum ist kein Ort für eine Randgruppe, sondern ein Teil der deutschen Geschichte.«
Nach Redaktionsschluss hat der Museumsträger Domid angekündigt, er werde prüfen, ob das Museum Selma »durch starke Einschnitte im Raumprogramm« doch in der Halle 70 in Kalk entstehen kann.