Die erste Hitzewelle des Jahres haben wir hinter uns gebracht und die meisten Restaurants haben vermutlich für eine Weile weniger Gäste gezählt. Überhitzte Terrassen, fehlende Klimaanlagen und ein generell verminderter Appetit sorgen für leere Tische. Von verlängerten Pausen und verkürzten Öffnungszeiten war zu lesen, und der kleine Lahmacun-Laden auf der Kalker Hauptstraße blieb am bislang heißesten Tag des Jahres einfach ganz zu. »Wegen Hitze« war auf dem Zettel an der Tür zu lesen.
»Es ist heiß«, sagt auch der Chef des vietnamesischen Restaurants Bún Phở in der Fleischmengergasse. »Wenn wir nach Griechenland in Urlaub fahren, fühlt sich das anders an.« Allerdings stehen die Tische unter der Markise entlang der Hauswand so, dass ein leichter Wind sie umspielt. »Wenn hier Sand und Wasser auf der Straße wären — das wäre doch was. Alles eine Frage von guten Gedanken.«
Wenn auch die guten Gedanken mal nicht mehr helfen, weil die Temperaturen zu hoch sind, können vielleicht Essen und Trinken für Abkühlung sorgen. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in Länder, in denen die Hitze nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Denn dort hat man längst Strategien entwickelt, um Zeiten mit Spitzentemperaturen zu überbrücken.
In Marokko etwa trinkt man Atay, süßen, heißen Tee. Zum einen ist der ein Symbol für Gastfreundschaft, zum anderen ist die Kombination aus Minze, Zucker und koffeinhaltigem grünem Tee auch eine Erfrischung. Durch die heiße Flüssigkeit wird die Körpertemperatur kurz angehoben und lässt schwitzen, was bei entsprechend luftiger Kleidung und mit einer leichten Brise ein bisschen Abkühlung verschafft.
Auch im Bún Phở wird Tee getrunken, hier allerdings kalt und mit Limette. Der berühmteste Klassiker der vietnamesischen Küche heißt nicht umsonst Sommerrolle und ist bei Rekordtemperaturen eine gute Alternative zu Currywurst-Pommes. Unterschiedliche Zutaten wie etwa Reisnudeln, Kräuter, Salatblätter und Gemüse werden in feuchtes Reispapier gewickelt (die vietnamesische Bezeichnung »Gỏi cuốn« bedeutet wörtlich übersetzt Salatrolle). Bei Bedarf kommen Shrimps, Huhn oder anderes leichtes Protein dazu. Vor dem Verzehr werden die Rollen in Hoisin- oder Erdnussoße gedippt. Auch Bún bò Nam Bộ, ein vietnamesischer Reisnudelsalat mit Kräutern, Gemüse und Rindfleisch, wird lauwarm oder kalt gegessen.
Mehr Gemüse und pflanzliche Eiweißträger sind nicht nur gesund, sondern ›schmecken‹ auch dem Klima
Webseite Umweltbundesamt
Das alles ist durchaus angenehm, aber bei genauerer Betrachtung ein Luxusproblem. Denn während wir uns bei drückender Hitze für das leichtere Gericht entscheiden können — für die Sommerrolle statt Currywurst, für den luftigen Tisch vor dem Restaurant statt in der prallen Sonne —, haben andere keine Wahl. Sie müssen raus aufs Feld, in die Plantage, in den Weinberg. Denn nur so kommen Obst und Gemüse überhaupt erst auf unseren Tisch, ganz gleich, wie leicht oder schwer sie am Ende zubereitet sind. Wer über klimafreundliches Essen spricht, kommt an dieser Ungleichheit nicht vorbei.
»Fleischreduziert, vegetarisch oder vegan« heißt es in der Überschrift zum Stichwort klimafreundliche Ernährung auf der Homepage des Umweltbundesamts. »Mehr Gemüse und pflanzliche Eiweißträger sind nicht nur gesund, sondern ›schmecken‹ auch dem Klima.« In der gegenwärtigen Debatte geht es vor allem um den CO2-Abdruck von Lebensmitteln. Aber klimasensible Ernährung ist, wenn man das Wort genau nimmt, ein vielschichtigeres Thema.
Natürlich stehen der Einkauf und die Produkte auf dem Teller im Fokus. Wenn wir die Auswirkungen der Klimaveränderungen ernst nehmen, dann müssen wir aber auch die Produktionsbedingungen in den Blick nehmen und die Menschen, die unsere Lebensmittel anbauen, pflegen und vor allem ernten.
Erntearbeiterinnen und -arbeiter weltweit sind Hitzestress ausgesetzt. Das darf nicht in Vergessenheit geraten: sei es in Südamerika, wo Kaffee, Kakao und Bananen unter durch Klimawandel verschärften Bedingungen angebaut werden, auf den spanischen Feldern, wo afrikanische Migrantinnen und Migranten für unsere Gurken, Tomaten und Auberginen schuften, oder auf den Feldern rund um Köln, wo Saisonkräfte den Sommer über Erdbeeren, Möhren und Kohl ernten.
Abkühlung gibt es nur bei einer fairen Bezahlung und einer klimasensiblen Infrastruktur — für alle.







