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Ausgabe: 11.2017

Kategorie: Theater
Stichwort: Theater 

Die vielen Tode auf einer Flucht

Moritz Sostmann inszeniert die deutsche ­Erstaufführung von »Occident Express« mit Puppen und Menschen


Haifas Geschichte: packend und geschmackvoll, Foto: Krafft Angerer

Haifa, eine alte Frau, flieht mit ihrer Enkelin Nassim aus dem Irak. Jeder Tag bedeutet Überlebenskampf. Niemand schenkt den beiden etwas, für alles müssen sie bezahlen. 6000 Kilometer lang ist ihr Weg über die Balkanroute über Deutschland nach Stockholm.

 

Stefano Massini, Jahrgang 1975, gehört zu den wichtigsten politischen Dramatikern der Gegenwart. Sein Stück »Lehman Brothers« über die Bankenkrise hat Kölns Intendant Stefan Bachmann inszeniert, sein Monolog »Ich glaube an einen einzigen Gott. Hass« wird oft gespielt. »Occident Express« ließe sich auch als Monolog aufführen. Haifa erzählt, von den Gefährten, Händlern und Schleppern, denen sie begegnet. Die Zuschauer erfahren nur, was Haifa mit ihnen erlebt.

 

Im Kölner Schauspiel spielen sechs Schauspielerinnen diese Geschichte mit realistischen, ausdrucksstarken Puppen. Das ist die Spezialität des Regisseurs Moritz Sostmann. In seinen letzten Inszenierungen hat er oft mit überdrehter Komik genervt. Diese Geschichte inszeniert er packend und geschmackvoll, auf einer kleinen, viereckigen Bühne, mit stimmungs-vollem Licht und zurückhaltenden Videos. Bilder von Gleisen werden auf die kleine Bühne projiziert, während zwei Schauspielerinnen die Haifa-Puppe in der Luft rennen lassen, im verzweifelten Versuch, auf einen fahrenden Güterzug aufzuspringen. Es gibt viele dramatische Szenen, aber auch Momente, in denen Haifa wie im Traum über den Dingen schwebt. Da sinniert sie über die Absurdität des Geschehens, eine alte, erfahrene Frau, die mit Problemen konfrontiert ist, die sie eigentlich nicht lösen kann. Aber irgendwie geht es weiter. Auch wenn sie längst, wie Haifa sagt, viele Tode gestorben ist. Stefano Massinis Fluchtgeschichte ist ein Gleichnis. Sie steht für viele ähnliche Erlebnisse. Deshalb überzeugt die Idee, sie mit Puppen zu erzählen, die Aufführung läuft nie Gefahr, zur hollywoodartigen Heldengeschichte einer einzelnen Frau zu werden.

 

Wenn die Fliehenden nackt durch ein Rohr voller Ölschlamm krabbeln müssen, spielen das die Schauspielerinnen ohne Puppen in Unterwäsche. Nach diesem Augenblick körperlicher Direktheit kann man sich wieder besser auf die epische Erzählung konzentrieren. »Occident Express« ist ein dichter Theaterabend, nach dem Diskussionen über Obergrenzen bei Flüchtenden unmenschlich wirken.

 

»Occident Express«, A: Stefano Massini, R: Moritz Sostmann, 4.11. (19.30 Uhr), 10., 24., 30.11. (20 Uhr), Depot 2

 

 


Von: Stefan Keim
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