StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 9.2018

Kategorie: Musik
Stichwort: »ON«

Das Wunder von Köln

Das Netzwerk »ON« — Neue Musik Köln feiert 10-jähriges Jubiläum


Pianomagic in der Unterführung: Christoph Maria Wagner 2017 im Labor am Ebertplatz

Bereits die erste Amtshandlung hatte — auch wenn sie einer Montageanleitung folgte — Do-it-yourself-Charakter. Bevor Till Kniola und Manuel Schwiertz vor 10 Jahren ihre erste Wirkstätte im Mediapark in Betrieb nahmen, mussten sie mit Akkuschraubern Ikeamöbel zusammenbauen. Auf die gegebenen Umstände reagieren und flexibel sein, das ist auch heute noch der Kern der Arbeit vom Netzwerk ON —Neue Musik Köln. 2008 war man im Rahmen des bundesweiten Förderprojektes Netzwerk Neue Musik in Köln gestartet, um die hiesige Szene besser zu unterstützen. 

 

Die Planungs- und Konzeptionsphase war bereits ein Erfolg (was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist): am runden Tisch fand damals fast alles zusammen, was in Köln mit Neuer Musik zu tun hat. Und schnell waren sich die Akteure einig: man wolle sich nicht kompetitiv sondern als Team begreifen. Im Berliner Hauptquartier des Förderprojektes sprach man gar vom »Wunder von Köln«. 

 

Rainer Nonnenmann, Professor an der Kölner Musikhochschule, und Dr. Hermann-Christoph Müller, Leiter des Referates für Musik der Stadt Köln, schrieben den Antrag an das Netzwerk, Anfang 2008 folgten Bewilligung und Vereinsgründung. Am Gründungsprozess wären aber sehr viel  mehr Akteure beteiligt gewesen, betont Schwiertz, Musikwissenschaftler und bei ON vor allem für die Projektbetreuung zuständig. »Das macht vielleicht auch den Erfolg des Projektes aus, dass viele Leute sich das zu eigen machen und sagen, das ist auch mein Baby«, erklärt Daniel Mennicken weiter. Mennicken ist als Nachfolger von Till Kniola — der sich mittlerweile als städtischer Referent um die Popkultur in der Stadt kümmert — seit 2013 der Geschäftsführer von ON. »Unterm Strich ist das Tolle daran,« führt er aus, »dass jeder für sich in Anspruch nimmt, ein Teil dieses Entstehungsgeschichte zu sein, und zwar auf eine gute Art und Weise. Das erzeugt unter den ganzen Funktionären und Machern ein Wir-Gefühl.«

 

Der Erfolg des frisch gegründeten Netzwerkes ließ nicht lange auf sich warten. Schnell habe sich das Büro als »der Laden, zu dem man hingeht, wenn man irgendeine Frage zur Neuen Musik hat«, etabliert, erzählt Schwiertz. Ihr Angebot — stärkere Vernetzung, kleine und flexible Zuschüsse, logistische Unterstützungen und Kleinstfinanzierungen — wurde und wird extrem gut nachgefragt. »So was gab es früher kaum in Köln« erklärt Schwiertz den Bedarf an einer szenenäheren Institution. Anders als das Kulturamt könnten sie viel unbürokratischer reagieren: »Wir können sehr kurzfristig auf kurzfristige Anfragen reagieren. Das kann ne Fahrkarte für eine Posaunisten sein, der aus Essen kommt. Jeder der einen substanziellen Förderbetrag haben will, wendet sich zwar weiterhin an das Kulturamt. Wir sind aber deutlich niederschwelliger. Man kann einfach mit uns sprechen. Das ist alles viel unförmlicher.« 

 

Es geht dem Netzwerk entsprechend weniger um die Finanzierung von Großprojekten, sondern um das kurzfristige Aushelfen und Ausbessern, damit laufende und bereits stehende Projekte nicht zu Minusgeschäften werden. Diese Hilfen führen dazu, »dass Köln als Stadt für Neue Musik aus der Sicht der Akteure immer attraktiver wird«, so Mennicken. Die Frage danach, wie sie aus den Anfragen und Projekten auswählen, beantwortet er so: »Wir arbeiten nicht kuratorisch, stehen nicht für ein bestimmtes Programmportfolio. Wir sind ja auch kein Förderer. Wir steigen in Projekte als Produktionspartner oder Trägerstruktur ein.« Natürlich spielen auch Qualität und Art des Anliegens und die Häufigkeit der Anfragen eine Rolle bei der Möglichkeit einer Kooperation. Das Ziel sei es aber vor allem, die Arbeit der Szene in Köln abzubilden und sie fortwährend zu unterstützen. Und das sei nicht immer an große Geldbeträge sondern viel häufiger an Flexibilität und Kurzfristigkeit geknüpft. Auf diese Weise begleitet das Netzwerk als Verwaltungsüberbau, der den Geldfluss regelt, durchschnittlich 65–70 Veranstaltungen im Jahr. In den 10 Jahren seiner Existenz hat das Netzwerk aber auch eine Vielzahl eigener Projekte realisiert. Neben dem Aufbau der Schlüsselwerke-Konzertreihe, verschiedener Plattformen und Festivals und einer intensiven Lobbyarbeit war man auch an der musikpädagogischen Basis tätig. Etwa in einer Kooperation mit der Offenen Jazz-hausschule, bei der man eine Grundschule aufbaute, in dessen Zentrum Neue Musik steht. All dies geschieht mit einer Institutionellen Förderung durch das Kulturamt: der unbefristet fortgeschriebene Sockel beläuft sich auf jährlich 150.000 €. Mennicken betont, dass sie das Gesamtbudget jedes Jahr substanziell erhöhen, in dem sie zusätzliche Fördergelder beantragen. Unter anderem beteiligt sich auch immer wieder das Land mit einer Projektförderung, oder auch die Stiftungen von Rhein-Energie und Siemens. 

 

Mittlerweile sitzt man in der Alten Feuerwache im Agnesviertel. Hier kann man mit einem kleinen Veranstaltungsraum, einem Gästezimmer samt Flügel, einem Büro und einer gut ausgestatteten Küche aufwarten. Die Nähe zur Hochschule (Schwiertz: »Wir helfen auch frischen Absolventen der Hochschule bei Antrittskonzerten!«) hat den Zulauf noch verstärkt. »Der Ort hier hat etwas von einem Zentrum«, erläutert Schwiertz. »Weil hier Leute pennen, während drüben im Saal für ein Konzert geprobt wird. Oder weil wir den Besuch aus Norwegen ins Gespräch mit einem Kölner Kollegen bringen. Da sagen wir dann: Kennste den? — Nein?! Dann geht doch mal einen Kaffee trinken«. Auf die Frage wie sie in die Zukunft sehen, antwortet -Mennicken mit großer Zuversicht: »Wir sind offen«.

 

10 Jahre ON — Neue Musik Köln: 7.9., Alte Feuerwache, Eröffnung, 19 Uhr, Ensemble Garage covert Mauricio Kagels Varieté, 20 Uhr, Bowski Island, 22 Uhr

 

8.9., Kunst-Station Sankt Peter, Trio Catch, 13 Uhr, Dominik Susteck u.a., 16 Uhr, Forseti Saxophonquartett, 20 Uhr
Von: Bastian Tebarth
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