StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 11.2018

Kategorie: Film
Stichwort: Cinepänz Festival, Filmfestival Köln, Trickstudio Lutterbeck, Kinder, Kino

Nichts für ungeduldige Geister

Beim Cinepänz Festival können Kinder den Machern des Trickstudio Lutterbeck bei der Arbeit über die Schultern gucken


Am digitalen Zeichentisch: ein Animator im Trickstudio Lutterbeck bei der Arbeit, Foto: Marcel Wurm

Die großen Zeichentische, über die sich die Kreativen gebeugt haben und den Stift über Folie flitzen ließen, existieren nur noch in der Erzählung. 2012 musste der letzte weichen. Wer heute das Trickstudio Lutterbeck in Köln-Nippes besucht, sieht die Animatoren konzentriert an ihren Hochleistungsrechnern arbeiten. Eine Mitarbeiterin zeichnet in einem Programm Bild für Bild — oder Frame für Frame — Füße in immer anderem Winkel. Die Animationssoftware lässt daraus eine Gehbewegung entstehen. Noch etwas holprig, denn noch fehlen einzelne Frames für den fließenden Übergang. Die junge Frau bearbeitet einen wichtigen Teil einer Massenszene, in der viele Figuren in einer Demo mitlaufen. Eine Sekunde Film besteht aus 24 einzelnen Bildern, erklärt Matthias Bruhn, Regisseur und mit Richard Lutterbeck Geschäftsführer des Trickstudios. Die Produktionszeit für »Molly Monster — Der Kinofilm« mit 72 Minuten Laufzeit habe anderthalb Jahre gedauert. Die Entwicklung der Geschichte und die Vorbereitung nicht mit eingerechnet.

 

Am Anfang steht die Idee, die in einem Script festgehalten wird. Es folgt das Storyboard, eine Art Comic der Geschichte. Die Charaktere werden entwickelt und das Layout gezeichnet, so etwas wie das Setting der Szenen. Es folgen die Key-to-key-Animationen, die Schlüsselpositionen eines Bewegungsablaufs. Danach werden die fehlenden Positionen, die In-Betweens, eingefügt. Die Reinzeichnungen werden gefertigt und die Backgrounds. Im Compositing wird schließlich alles zusammengefügt. »Trickfilm ist nichts für ungeduldige Geister», sagt Produktionsleiter Christian Asmussen, bei dem alle Fäden eines Projekts zusammenlaufen.

 

Momentan ist der Großteil der 22 Mitarbeiter mit einem »absoluten Herzensprojekt» beschäftigt, wie Bruhn es nennt. Ein »Arthaus-Film für Kinder», der auch Erwachsene begeistern soll: Die Verfilmung des Kinderbuches »Fritzi war dabei» von Hanna Schott, das die Geschichte des Mauerfalls aus Sicht der 12-jährigen Fritzi aus Leipzig erzählt. Ein Stoff, der laut Bruhn so in einem Animationsfilm noch nicht erzählt worden ist. Im nächsten Jahr, wenn der Mauerfall 30-Jähriges feiert, wird »Fritzi — Eine Wendewundergeschichte» am 9. Oktober in die Kinos kommen. Zwei Tage vorher lädt der Verleih zur Deutschlandpremiere in die Leipziger Nicolaikirche, zentraler Schauplatz im Film wie in der Realität. Das Trickstudio Lutterbeck setzt das ambitionierte Projekt mit der Dresdner Produktionsfirma Balance Film um. Beteiligt sind zudem Produktionsfirmen aus Luxemburg, Belgien und Tschechien sowie verschiedene Fernsehsender, darunter der MDR, WDR, NDR, KiKa und Arte. Mit dem historischen Abenteuerfilm, der gleichzeitig eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt, betrete man Neuland, sagt Bruhn.

 

Dank des Mammutprojekts habe sich der Zeitaufwand deutlich Richtung eigene Projekte verschoben, erklärt er. Normal läge das Verhältnis von Auftragsarbeiten zu eigenen Projekten bei etwa 70 zu 30 Prozent. Jetzt habe sich das fast umgekehrt.

 

Richard Lutterbeck hat das Trickstudio 1987 gegründet und damals hauptsächlich mit dem Filmemacher Bernard Woschek politische Cartoons für den »Bericht aus Bonn« produziert. 1990 stößt Regisseur Matthias Bruhn dazu und erste Werbespots entstehen. Acht Jahre später gründen Lutterbeck und Bruhn das Trickstudio Lutterbeck als GmbH. Seit 2001 produzieren sie Lach- und Sachgeschichten für die »Sendung mit der Maus«, programmieren auch Websites für die WDR-Sendung, packen kräftig mit an, um die »Sendung mit dem Elefanten« auf die Beine zu stellen und erfanden dessen Sidekick, den quirligen rosa Hasen. Daneben animieren sie auch für »Löwenzahn», die »Sesamstraße» oder »Unser Sandmännchen«, arbeiten für Kunden wie die Deutsche Bahn oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Mit ihren Kurzfilmen »Ente, Tod und Tulpe« und »Post!« gewannen sie zahlreiche renommierte Preise. Viele Kinderbücher wie »Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat« oder »Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor« haben sie für den Film adaptiert. Seit über 30 Jahren sind sie erfolgreich im Geschäft, viele der Mitarbeiter sind seit zehn oder 15 Jahren fest im Unternehmen beschäftigt. »Wir haben Erfolg, weil wir so breit aufgestellt sind, mittlerweile auch Multimediaproduktionen, Websites und Apps machen«, meint Matthias Bruhn, »und weil wir viele verschiedene Stile anbieten«. Ihr Markenzeichen sei, Geschichten mit Herzblut aber ohne Kitsch zu erzählen. Sie trauen sich an schwierige Stoffe heran: thematisieren Alzheimer oder den Tod, schaffen im Auftrag des WDR Animationen zu Kinderinterviews über Aufenthalte in der Psychiatrie oder Armut. Seelenlose Projekte übernähmen sie nicht, sagt Christian Asmussen.

 

Wenn das Trickstudio im Rahmen von Cinepänz am 18. und 24. November die Türen für kleine Trickfilm-Fans öffnet, wird Asmussen ihnen erklären, wie Molly Monster oder Elefant und Hase zum Leben erwachen. Er freut sich schon auf das Feedback: »Kinder sind gnadenlose Kritiker. Das finde ich gut.«

 

 


Von: Melanie Dorda
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