StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 1.2019

Kategorie: Literatur
Stichwort:

Leib- und Magenlektüre

Vladimir Sorokin schmeißt in seinem neuen Roman die Klassiker der Literatur ins Feuer


Ein Blick, der durch den Magen geht: Vladimir Sorokin | Foto: © Maria Sorokina

Es ist keine sonderlich appetitliche Welt, in die uns Vladimir Sorokin in seinem Roman »Manaraga« mitnimmt: »Die Druckmaschinen der Welt sind zum Stillstand gekommen und rosten vor sich hin. Die Gutenberg-Epoche ist passé, die Elektrizität hat den Sieg davongetragen. Nur eins noch wird in unserer Welt gedruckt: Geld. Selbst die Briefmarken sind im Orkus verschwunden. Das Papiergeld lebt. Aber im Unterschied zu Büchern brennt Geld nur sehr schlecht. Deshalb taugt es auch nicht zum Grillen.« 

 

Zum Grillen? In der Tat. Denn nach politischen Verwerfungen, islamischen Revolutionen und salafistischen Aufständen haben sich die Superreichen ein neues Luxus-Hobby zugelegt. Sie lassen sich aus Klassikern der Weltliteratur vorlesen, bevor diese zerrupft werden und den Grill befeuern, auf dem Fleisch-Delikatessen zubereitet werden. »Book’n’Grill« nennen sich diese Ereignisse, die klandestin dort stattfinden, wo sich das Kapital niederlässt. Die Hauptfigur Géza ist in diesem Milieu ein kleiner Star. Als Grill-Chef jettet er von Kontinent zu Kontinent, immer auf der Suche nach seltenen Buchausgaben und immer auf der Flucht vor der Polizei. Dabei wird er unterstützt von drei »Flöhen«, digitalen Assistenten, die mit seinem Hirn verbunden sind. Seine Welt ist die letzte Zuflucht traditioneller Männlichkeit: Die russischen Klassiker, aus denen er rezitiert, wurden vom Adel oder Großbürgertum verfasst und werden genau deshalb von seinen Kunden geschätzt. Bedroht wird dieses Geschäftsmodell durch das Aufkommen
von billigen Plagiaten eines ganz besonderen Buchs: »Ada« von Vladimir Nabokov, das ähnlich mit der russischen Literaturgeschichte spielt, wie es Sorokin in seinem Roman tut.

 

Denn »Maranaga« ist auch eine Satire: auf die Bibliophilen, die den Besitz von Büchern mit deren Lektüre verwechseln, ebenso wie auf die Oligarchen des postkommunistischen Russland, die sich auf die literarischen Schätze des Landes berufen, aber nur seine materiellen ausplündern wollen. Anhänger von Vladimir Putin haben vor einigen Jahren die Bücher von Vladimir Sorokin öffentlich verbrannt. »Manaraga« ist seine Antwort darauf — bekömmlich ist sie nicht.

StadtRevue präsentiert Di 10.1., Literaturhaus, 19.30 Uhr

 

Vladimir Sorokin: »Manaraga:
Tagebuch eines Meisterkochs«,
Kiepenheuer & Witsch, 251 S.,
20 Euro

 

 

 

 

 


Von: Christian Werthschulte
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