StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 3.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Efdemin

Vom Anfang und vom Ende des Technos

Efdemin widmet sich aufsehenerregend einem alt gewordenen Genre


Wenn man »New Atlantis«, den vierten Langspieler des Berliner DJs und Produzenten Efdemin, als Soundtrack für eine Erzählung nimmt, dann tauchen vor dem geistigen Auge sogleich zwei Schauplätze auf: Einerseits bietet sich der klassische Kammermusiksaal an, andererseits ein klebriger Underground-Club. 

 

Dort das differenziert akustische, aber auch leicht muffige Raum-werk, in Holz gekleidet mit einem Sound, der zwischen steril und warm changiert. Hier der punkige Schuppen in einem alten Bahnhofsklo mit Schweiß an den Wänden, Bier aus fleckigen Gläsern und dem steten Unbehagen sich vielleicht eine Infektionskrankheit zu holen.

 

Nicht nur mit solchen, sondern auch mit weiteren Ambivalenzen wartet dieses in grünes Cover gehüllte Werk auf. Wo der Künstler Efdemin in der Vergangenheit meist als Teil der Dandy-Clique des Labels Dial aus Hamburg in Verbindung gebracht wurde, oder mit dem eigenen Deep-House-Label naïf, residiert er diesmal auf Ostgut Ton, dem Haus- und Hauptlabel des Berghains. Stehen Club wie Label eigentlich für eine Techno-Szene, die sich an rohen, kühlen und industriellen Klängen erfreut, vermutet man einen Künstler, der sich mit elegantem House einen Namen gemacht hat, fehl am Platz. Vollkommen zu Unrecht, denn Philipp Sollmann, so der bürgerliche Name des Künstlers, hat sich vom Sound früherer Tage verabschiedet.

 

Sollmann näherte sich seinen musikalischen wie akademischen Wurzeln schon in den letzten Jahren wieder an; spielte und produzierte futuristischen Detroit-Techno, der ganz klar von Jeff Mills und Konsorten inspiriert ist. Diese Entwicklung fand vor fünf Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt auf Efdemins Album »Decay«. Davon abgesehen produzierte und komponierte er in verschiedenen Konstellationen immer häufiger experimentell, mikrotonal und im Bereich der Minimal Music. Auf dem Festival »Modular Organ System V« präsentiert er im künstlerisch-intellektuellem Tandem mit Konrad Sprenger eine akustische Installation aus Pfeifen, Röhren und einem Blasebalg. »Efdemin und Phillip Sollmann waren früher viel weiter voneinander entfernt. Heute jedoch — das hat verschiedene Gründe — können diese beiden Outputs zusammenfallen«, sagt er im Gespräch.

 

Einer dieser Gründe ist sicherlich die Auflösung des Clubs als reiner Partyort, seine Öffnung für konzertantes Geschehen, künstlerische Interventionen und Performances. Ein bestimmter Teil des Clubbetriebes ist durch-lässiger für avantgardistischer Musikentwürfe geworden. So auch das Berghain: »Manchmal lege ich sonntags vier Stunden oben im Club Techno auf, an einem anderen Tag durfte ich jedoch schon mal die Halle, die hinter dem Club liegt, für 18 Stunden mit experimentellerer Musik beschallen.«

 

Als Vorreiter für solche Entwicklungen ist — nicht nur, aber doch — an prominenter Stelle die Club Transmediale (CTM) in Berlin zu nennen, die jüngst ihre zwanzigste Auflage feierte und beständig solch permeable Musik-Events forciert hat, immer auf der Grenze zwischen Underground und Hochkultur. Für einen Musiker wie Sollmann, der neben der musikalischen Sozialisierung im Pudel Club Hamburg in den 90er Jahren auch ein Hochschulstudium der Elektroakustik in Wien vorzuweisen hat, eine willkommene Mutation.

 

Mit dem neuen Album »New Atlantis« bedankt es sich bei sich selbst und bietet am konsequentesten eine Verknotung aller Fäden der Vita Sollmanns. Gleich zu Beginn dröhnt es mächtig, der ausgehaltene Ton mündet dennoch nicht in Krach, sondern ist Vorbote einer Stimmung, die im einsetzenden Gesang des Künstlers William T. Wiley Erlösung findet. Der baptistische Lobgesang stammt von einer alten Aufnahme, die Sollmann schon vor Jahren -einsetzen wollte. Dieses folklorige englische Lied eröffnet einen Raum für die soundästhetischen Verwicklungen der nächsten Tracks.

 

»New Atlantis«, der dritte Track, der sich den Titel mit dem Album teilt, stellt schließlich die Zusammenführung des Gesamtwerks dar. Wo bei KollegInnen Synth--Lines vorherrschen, liegt dieser 14-minütigen Reise in das Innere der Künstlerperformance eine befreiende Synthese von Tech-no und einem Dudelsack-ähnlichem Ton zu Grunde, der den Hörer betört.

 

Techno-Umwälzungen, die wie zufällig ein Muster ergeben: eine klangliche Rasterung, architektonisch genau. Hypnotisiert und/oder in Trance merkt man beim ersten Hören kaum, dass auf der Oberfläche dieser blanken Detroit-Techno-Skulptur Abdrücke hinterlassen wurden. Eine Fährte, raus aus der Anwendung technoider Strukturen, zeichnet sich ab. Auf den letzten drei Tracks lässt Efdemin sein Alter Ego Sollmann laufen, kontrastierende Sounds werden teils hektisch, teils poetisch vermengt. Genre-typische Strukturen werden nur noch angedeutet, dann wieder -fallen gelassen: »New Atlantis« ist kein einfaches Techno-Album und Techno danach vielleicht nie wieder das gleiche. 

 

 

 

 


Von: Lars Fleischmann
«  Der Schmerz tanzt immer...  Jungstötter» Datensatz 121 von 5871 insgesamt.