StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Kunst
Stichwort: »Familienbande. Die Schenkung Schröder«

Wir denken das jetzt mal neu

Familienbande wagt im Museum Ludwig eine Revision der legendären 90er Jahre in Köln


Eine Woche vor Ausstellungser­öffnung wird noch überall gewerkelt. An den Wänden und im Raum sind die ersten Arbeiten installiert, jemand bügelt die Falten des Wandbehangs von Kai Althoffs großer Rauminstallation glatt  (o.T., 1993/99), Lucy McKenzies Assistentin liegt auf dem Boden vor einer neo-klassizistischen Trompe-l’Œil-Malerei (»The Integrity Gap«, 2002/ 03) und pinselt akkurat schwarze Schattenlinien neben eine antike Säule. Cosima von Bonins grandiose Pilz-Skulptur »Ruth« (1999) steht ungerührt mitten im ersten Saal, während um sie herum eine für Köln bedeutende Ausstellung Form annimmt. Kuratorin Barbara Engelbach wartet im Entree, gleich bei dem großen Wort-Cluster an der Wand, das die Besucher einstimmen wird: Begriffe wie Netzwerk, Kollaboration, Bande, Sippe, Stra­tegien von Zugehörigkeit oder Unfreiwillige Mitgliedschaft liest man da. Im Zentrum der Ausstellungstitel: Familienbande. Im Interview spricht Engelbach über Wahlverwandtschaften, Diskurskämpfe und eine besondere Schenkung.

 

 



Frau Engelbach, ist das Gemeinschaftliche tatsächlich das herausragende Merkmal der 90er Jahre, wie es der Ausstellungstitel nahelegt?

 

Ich finde schon, dass die 90er dafür stehen, dass das Soziale zum Material der Kunst wird. Auf vielfältige Art und Weise — es sind ja Welten zwischen einer »Familienbande« und einer politischen »Kollaboration« oder einem »Klüngel«. Was alle Begriffe verbindet, ist die soziale Interaktion, die eine sehr macht­volle sein kann, eine von Einschluss und Ausschluss, strategischer Zugehörigkeit, die man sich wählt, um politische Aufmerksamkeit zu bekommen, seine Rechte einzufordern, oder einfach eine Freundschaft, die so eng ist, dass sie sich auch in gemeinsamen Arbeiten ausdrückt, etwa bei Cosima von Bonin und Kai Althoff.

 

 


Die Aufbrüche jener Zeit waren eine Absage an das Bisherige: den Malerei-Boom der 80er, das Künstlergenie, die Männerbünde. Den Auftakt der neuen Ära markiert das Jahr 1990: Christian Nagel eröffnet seine junge Galerie, Texte zur Kunst wird gegründet und »Friesenwall 120«.

 


Ja, aber ich würde nicht von Auftakt sprechen: Diese Gründungen waren Ausdruck einer Entwicklung, die schon in den 80er Jahren angelegt war. Deswegen liegt im Archivteil der Ausstellung auch das von Monika Sprüth herausgegebene Magazin Eau de Cologne, in dem es um feministische, teilweise auch konzeptuelle Positionen geht, mit der picture generation und Künstlerinnen wie Louise Lawler, Barbara Kruger. Da kündigt sich das Neue schon an: Die Institutionskritik ist in den USA bereits über eine Dekade virulent, ehe sie schließlich hier eingeführt wird. Man kann aber sagen: 1990 ist das Jahr, in dem diese neuen Kunstallianzen in Köln sichtbar werden. Die Debatten materialisieren sich regelmäßig im Heft Texte zur Kunst, die Galerie Nagel ist mit ihrem Programm sehr einflussreich, und das Künstlerkollektiv »Friesenwall 120« agiert mit seiner »non productive art« ausdrücklich am Kunstmarkt vorbei.

 

 


Neben Freundschaft und Kollaboration gab es heftige Grabenkämpfe. Kratzen Sie auch am Mythos jener Ära?

 

Wenn man Berichte von Leuten hört, die damals dabei waren, wird sehr deutlich, dass es eine unglaubliche Aufbruchszeit war mit einer phantastischen Diskurshöhe. Also sehr spannend, dabei gewesen zu sein — aber auch sehr beklemmend und belastend dabei gewesen sein zu müssen. Das berichten Protagonisten der Szene, etwa die Texte zur Kunst-Gründerin Isabelle Graw, mit drastischen Worten. Man hat sich herausgefordert und nicht geschont.

 

 


Anlass für die Ausstellung ist die Schenkung von Alexander Schröder, der dem Museum 29 Werke überlässt. Wie würden sie Schröders Sammelinteresse beschreiben?

 


Schröder beobachtete den Aufbruch von Berlin aus. Er war Mitte der 90er viel in Köln, übrigens zuerst als Künstler, und begann zu sammeln; 1994 eröffnete er mit Thilo Wermke in Berlin die Galerie NEU. Ihn interessieren Arbeiten, die etwas Widerständiges haben, die überraschen.In der Schenkung gibt es richtige hardcore-konzeptuelle Positionen genauso wie poetisch-sinnliche Arbeiten und queere Haltungen. Ein Beispiel ist Tom Burr, von dem er früh Arbeiten gekauft hat und der gewissermaßen drei Aspekte vereinigt: den sinnlichen, den konzeptuellen und den politischen. Es war für mich ein Aha-Erlebnis, als ich diese Schenkung sichtete und dachte: Wow, wie kommen so unterschiedliche Positionen zusammen? Ja, sie waren eben zeitgleich vorhanden! Aber viele haben nur eine Seite gesehen.

 

 


Wie ergänzt und erweitert die Schenkung die Sammlung des Museum Ludwig?

 

Ich würde sagen, wir bekommen mit dieser Schenkung nicht nur bedeutende Werke der 90er Jahre und Nuller, sondern sind auch sehr breit aufgestellt: Sie schließt nichts ab, sondern ­öffnet das Feld der 90er und zeigt Wege auf, in welche Richtung wir weiterdenken müssen. Drei Künst­le­­r*in­nen — KP Bremer, Lukas Duwen­högger, Hilary Lloyd — waren bisher gar nicht in der Samm­lung vertreten.

 

 


Hat die intensive Beschäftigung für diese Ausstellung Ihre eigene Wahrnehmung dieser Zeit verändert?

 

Auf jeden Fall! (überlegt) Ich weiß jetzt, was ich alles nicht weiß, womit ich mich noch mehr beschäftigen muss. Das ist vielleicht das beste Ergebnis. Für mich war beklemmend zu sehen, dass das, was die Zeit heute bestimmt, aus den 90ern kommt — schon alleine, wenn man an die rechtsextremen Pogrome und Morde an Migranten Anfang der 90er Jahre denkt. Die Mikrokunstgeschichte in Köln war Teil der gesellschaftlichen Ereignisse und mit der Makrogeschichte verwoben. Auch darauf hat die Kunstszene damals reagiert.

 


»Familienbande. Die Schenkung Schröder«, Museum Ludwig, 13.7.–29.9., geöffnet Di bis So 10–18 Uhr, Langer Donnerstag: »Familienbanden unter sich«, 1.8., 10–22 Uhr

 

 

 


Von: Melanie Weidemüller
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