StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Musik
Stichwort: Amotik

Ohne Erwartungen

Amotik über sein DIY-Label, die Balance zwischen DJ und Day Job und warum er immer noch gerne ausgeht


Als 2015 die erste Amotik-Platte in den Shops lag, wurde sie schon rauf und runter gespielt, die ersten 300 Pressungen waren bald vergriffen. So lief es weiter, obwohl niemand wusste, wer eigentlich hinter dem ominösen Label und den auf Hindi durchnummerierten Tracks steckte. Nach zehn Veröffentlichungen auf eigenem Label und Tracks für Len Faki sowie Tommy Four Seven erscheint nun sein erstes Album.

 


Anil Chawla ist vielleicht zurückhaltend, aber ganz sicher nicht der verschwiegene Typ. Fragt man den Mann mit dem kahlen Schädel und den tief liegenden Augen, bekommt man eine ausführliche Antwort. Doch ein Blick auf seine Discogs-Page lässt eher einen auf auf Anonymität und Geheimniskrämerei pochenden Eigenbrödler erwarten. »Amotik — Techno DJ and producer from Berlin, Germany«, steht da. Darunter zehn Maxis, alle ohne Titel, ohne Label, ohne Artwork. Nichts, was mehr aussagen könnte als die Platten selbst. »Die Musik sollte einfach im Vordergrund stehen«, erinnert sich Anil an die erste Veröffentlichung 2015. »Ich hatte keine Erwartungen. Davor hatte ich unter anderen Namen aufgelegt und produziert, aber erst mit Amotik fühlte ich mich wohl genug, um meine eigene Musik zu veröffentlichen.« Dabei wollte er komplett unabhängig bleiben, ohne finanziellen Druck. »Wenn du von der Musik leben willst, kann das die Liebe zu ihr schmälern. Simplizität war das Konzept, welches mich als Künstler und auch meine Produktionstechniken am ehesten widerspiegelt«, kommentiert er die Schlicht­­heit seiner Veröffent­li­chun­­gen. Dass die Scheiben sich dann doch so gut verkauften, überraschte sowohl ihn als auch seinen Vertrieb.

 


Mittlerweile könnte er wohl von der Musik leben, will es aber nicht. Er schätzt die Routine, die ihm sein Hauptberuf gibt. Früher sei das anders gewesen, da habe er die Freizeit nicht so zu schätzen gewusst. »Ich habe zu lange ausgeschlafen«, scherzt er. Nun gehen zwei Tage die Woche für das Vor- und Nachbereiten der DJ-Gigs drauf, am Wochenende wird meistens irgendwo aufgelegt, die restlichen drei Tage geht es ins Büro. »Fürs Produzieren muss ich mir aber immer noch extra freinehmen, um mich nur darauf zu fokussieren. Einfach mal hier und dort etwas machen, das funktioniert bei mir nicht.«

 


Ähnlich entstand auch Amotiks erster Longplayer, mit dem er ab September auf Live-Tour gehen will. Davor hat er noch ein bisschen Angst, freut sich aber auch: »Wenn es schief geht, lasse ich es einfach bleiben und spiele nie mehr live! Aber dann habe ich es wenigstens probiert.« Beim Produzieren des Albums fiel es ihm allerdings leicht. »Sonst fruste ich immer ein paar Tage, weil zuerst gar nichts passiert.« Diesmal aber klickte es vom ersten Tag an. »Als ich merkte, dass die Tracks ein Album werden könnten, begann ich an entsprechendem Material zu arbeiten.« Auf Vistär, Hindi für Ausdehnung, erweitert Amotik seinen düsteren Dancefloor-Sound um einige lichte Momente. Noch immer hämmern schwere Kick­drums unnachgiebig, rütteln und peitschen die Drums, wabert es  grobkörnig im Unterbau. Es scheint diese raue Textur, dieser rohe, unfer­tige Schliff zu sein, welcher die Menschen in ihren Bann zieht. »Ich wollte einfach die Musik schreiben, die ich selbst in einem Club hören und meine Augen dazu schließen wollte. Klingt vielleicht egoistisch, aber sie war nie für DJs oder andere Leute gemacht.« Auf dem Album mischen sich Ambient-Passagen und gebrochene Beats unter das 4/4-Diktat. Auf die Frage nach seiner Inspirationsquelle gibt Anil, dessen Großvater ein Yogi war, und der zuletzt selbst vier Jahre in Indien gelebt hat, offen zu: »Auch wenn ich Spiritualität nicht wirklich verfolge, hatten meine Großeltern bestimmt Einfluss auf mich. Gerade meine ambienteren Stücke haben meditative Qualität. Aber das Augenschließen und Loslassen auf dem Dancefloor passiert für mich auf einer anderen Wellenlänge.« Genau dieser Floor ist es auch, der ihn immer noch am meisten inspiriert. 2014 kamen Anil und seine Frau aus Indien zurück nach Europa. Berlin wollten sie sich eigentlich nur mal kurz genauer anschauen. Mittlerweile sind daraus fast fünf Jahre geworden. »Ehrlich gesagt, haben wir die ersten paar Monate nichts anderes gemacht, als jedes Wochenende zusammen auszugehen! Da war wieder dieses unbeschreibliche Gefühl, wenn du in einen Club gehst und dir die Energie direkt entgegen schlägt!«

 


Mit der aktuellen Balance von Arbeit und DJ-Lifestyle ist Amotik gerade mehr als zufrieden. »Ich habe großes Glück, das tun zu können, was ich tue. Deshalbe achte ich darauf, nicht selbstgefällig zu werden. Klar ist es manchmal hart — aber wenn alles zusammenkommt, ist es das größte Ding auf der Welt.« Und wenn der Erfolg doch mal nach­lässt und ein paar Monate ruhi­ger ausfallen als sonst? »Dann kann ich einfach mal Berlin genießen und wieder selbst feiern gehen!«

 

 

 

 


Von: Leopold Hutter
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