StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Film
Stichwort: out of the past

Spektakelfreudiger Realismus

Filmgeschichte auf Kölner Leinwänden


Ferienzeit. Wie sinnig, dass sich eini­ge der feinsten Funde im Au­gust­­angebot um Zwischenzeiten und -zonen drehen. Beginnen wir mit zwei Epochen des 20. Jahrhunderts: der Weimarer Republik für das Deutsche Reich und der Taishō-Zeit (1912-1926) für das Japanische Kaiserreich. Bernhard Wickis epochaler Werkabschluss »Das Spinnennetz« (1989), basierend auf Josef Roths gleichnamigem unvollendeten Fortsetzungsroman, offeriert etwas, an das sich seither niemand mehr so wagen würde: Eine detaillierte Auslotung der ultranationalistisch-antisemi­tischen Polit- wie Lebenssphären in Deutschland, mit einem so opportunistischen wie mordwilligen Kleinbürger-Militär namens Lohse als Protagonisten. Wenn zum Prolog — Kiel, 1918, Matrosenaufstand — Roths Gedicht »Ritter Meuchelmord« (1924) zu hören ist, weiß man auch gleich, aus welcher Perspektive hier die Täter betrachtet werden.

 


Seit »Das Spinnennetz« herauskam, habe ich ihn ein dutzend Mal gesehen. Wicki hat nämlich nicht nur stets die richtige politische Haltung, sondern vor allem Massen an klugen Argumenten, um diese zu untermauern. Mit seinem so spektakelfreudigem wie didaktisch-analytischem Realismus ist Wicki für mich immer noch der Filmemacher der Bonner Republik — und es hat seine symbolische Richtigkeit, dass sein Schaffen mit deren Ende ausgeklungen ist.
Im Vergleich mit Wicki ist Yuki­sada Isao ein kleiner Fisch, seine Mishi­ma-Yukio-Aufbereitung »Haru no yuki« (2005) eine dekorative Schwärmerei in Moll. Doch selbst wenn Yukisada allein an der Oberfläche des Stoffes bleibt, so muss man ihm zu Gute halten, dass er es überhaupt probiert hat. An Mishimas massiver »Das Meer der Frucht­barkeit«-Tetralogie wollten sich schon viele versuchen, aber nur er hat es geschafft, überhaupt einen Band davon filmisch umzusetzen.
Fürs eher Metaphysische bleibt jetzt nur mehr wenig Platz: Erwähnt sei dennoch unbedingt André Delvauxs vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Flamen und Wallonen situierte Schauer­ge­schich­­te »Ein Abend, ein Zug« (1968).

 


Das Spinnennetz: Sa 3.8., Kulturkirche Ost, 20:30 Uhr. Eintritt frei! Infos: kulturkirche-ost.de
Haru no yuki: Sa 27.7., Japanisches Kulturinstitut, 14 Uhr. Eintritt frei. Infos: jki.de
Ein Abend, ein Zug: Sa 17.8., Filmforum im Museum Ludwig, 20 Uhr. Infos: filmforumnrw.de

 

 

 


Von: Olaf Möller
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