StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Heim & Welt
Stichwort: Heim & Welt

Meine Gebrauchsspuren

Materialien zur Meinungsbildung /// Folge 210


Warum heißt es Klo-Brille? Während Sie noch darüber nachdenken, erzähle ich Ihnen von einer anderen Brille, meiner Lesebrille. Die brauche ich nämlich seit neuestem. Die Buchstaben kasperten wie trunkene Schemen über die Zeilen. Es ist eine Alterserscheinung, bei mir, nicht bei den Buchstaben. Biologisch ist der Körper mit Abschluss der Pubertät dem Verfall preisgegeben. Das Leben als Krankheit zum Tode. Die körperlichen Funktionen lassen allmählich nach, gewiss: akzeptabler Zustand, aber mit Gebrauchsspuren, jedenfalls nicht mehr neuwertig. Jetzt die gute Nachricht: So etwas kann auch von Vorteil sein. Oma Porz besitzt ein Hörgerät. Aber sie benutzt es nie. Zu umständlich, sagt Oma Porz. Da hört sie gar nicht mehr hin, wenn ich ihr mit meiner Lesebrille aus der Gebrauchsanleitung vorlese. Oma Porz sagt, es sei ohnehin angenehm, »nicht mehr alles mitzukriegen«. Andere machen aus solchen Einsichten digitalisierungskritische Bestseller. Der eingeschränkte Gehörsinn als Filter ­gegen das Blabla der Welt. Ein tröstlicher Gedanke.

 


Die Lesebrille habe ich in ­einem Drogeriemarkt gekauft. Drogeriemärkte sind Supermärkte, die gut riechen, was auch daran liegt, dass es dort keine Leergutautomaten gibt. Ich könnte stundenlang dort flanieren und mir neue Lesebrillen kaufen, sie sind günstig.
Brillen sind heute auch ein modisches Accessoire. Man findet sie im Gegensatz zu anderen Hilfsmitteln wie Hörgeräten oder Kompressionsstrümpfen häufig auf Modestrecken. Dort sieht man auch die typischen Brillen-Gesten. Mal kaut jemand lasziv auf einem der Bügel, mal lugt jemand herausfordernd über die Gläser hinweg. Ich vermag das nicht. Es entspricht nicht meinem Style. Ich habe genug damit zu tun, die Lesebrille nicht zu verlieren, ich muss sie gewissermaßen im Auge behalten.

 


Manche Menschen kenne ich nur mit Brille. Tobse Bongartz zum Beispiel. Wenn Tobse Bongartz seine Brille ablegt, ist es mir, als stünde er in Unterhosen vor mir. Auch deshalb riet ich ihm dazu, nicht zu Kontaktlinsen zu wechseln, obwohl ich gar keine Ahnung habe.
Tobse Bongartz trägt seine Brille immer. Meine Lesebrille benötige ich hingegen nur ab und an. Deshalb suche ich sie ständig. Vielleicht sollte ich sie mir an einer Schnur um den Hals hängen, so wie Kinder ihre Handschuhe.

 


Früher hieß es »Er packte seine Siebensachen...«. Ich frage mich, um welche sieben Sachen es sich wohl handeln mochte. Es mögen ein Wanderstock und ein Gebetsbuch darunter gewesen sein, vielleicht noch eine Botanisiertrommel, aber sonst? Ich weiß bloß, wie die moderne Fassung lautet: Schlüssel, Portemonnaie, Mobil­telefon, klobiger Kopfhörer als Haar­schmuck, Coffee-to-go-Becher, urbaner Rucksack einer skandinavischen Manufaktur und — Lesebrille. So laufen wir doch alle herum, nicht wahr? Jetzt werden Sie sagen, ich möge mal nicht von mir auf andere schließen. Zwar benötige jeder unbedingt einen skandina­vischen Rucksack, aber doch wohl nicht die Lesebrille einer Drogeriemarktkette. Ich aber sage: noch nicht! Wenn wir ständig auf das digital flimmerndes Brett vor unserem Kopf gucken, dann wird es unausweichlich sein. Auf Wunsch trommele ich gern eine Schar Augenärzte zusammen, die das lautstark bekräftigen wird und dabei mit Oma Porz’ kontrovers diskutierter Streitschrift »Man muss nicht alles mitkriegen« fuchtelt!

 


Weil ich meine Lesebrille ständig verlege, bin ich jetzt häufiger in Drogeriemärkten, um mir eine neue zu kaufen. Ich begleite Gesine Stabroth, die dort immer Sachen kauft, die immer sehr klein sind und gut riechen. Es riecht aber nicht nur gut im Drogeriemarkt, es läuft auch keine Musik. Das ist angenehm, denn meine Ohren sind noch ganz gut. Und übrigens heißt es nicht Klobrille, sondern Toilettensitz.

 

 

 


Von: Klaus C. Niebuhr
«  Was ess’ ich denn da?  »La flor«» Datensatz 26 von 6009 insgesamt.