StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 8.2019

Kategorie: Thema
Stichwort: Webradios

Komm, wir gehen ins Radio

Webradios sind die neue Heimat für die Kölner Musikszene. Ihren Machern bieten sie Freiräume, ihren Hörern Musik aus den Nischen. Und für alle sind sie ein Treffpunkt


Vorsitzender der Community: Karl-Heinz Müller im Studio von 674.FM, Foto: Dörthe Boxberg

»Ich wollte auch gern einfach Teil von etwas sein«, sagt Moritz Mehlich. Er und Joscha Creutzfeld sitzen in einem Laden im Sechzigviertel in Nippes. Von hier aus betreiben Mehlich und Creutzfeld das Webradio dublab.de. Jede Woche sendet Dublab mindestens 15 Stunden Programm. Damit sind sie nicht allein. Aus einem Studio am Aachener Weiher sendet jeden Abend 674.FM.

 

Webradios wie sie erreichen ihre Hörerinnen und Hörer nicht über UKW-Antennen, sondern über Livestreams auf ihren Internetseiten. Sie sind eine Heimat für Musik-Nerds, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk kaum noch bedient. Aber sie sind auch Orte, an dem sich Menschen treffen, Informationen austauschen, Kontakte knüpfen und sogar Jobs vermitteln; Webradios formen, zumindest für eine bestimmte Szene, das Bild von Köln.

 


Bei Dublab liegt der Schwerpunkt auf selten gehörter Musik, oft experimentell und nicht unbedingt zum Tanzen geeignet. »Für viele ist das sicher nur Vogelgezwitscher, was wir hier machen«, sagt Joscha Creutzfeld augenzwinkernd, während die Rap-Sendung, die gerade läuft, ihm widerspricht. Das Programm auf Dublab ist breit gefächert. Der auf experimentelle Musik spezialisierte Plattenladen a-musik hat ebenso eine Sendung wie Groove Attack, wo HipHop, Soul und Latin-Pop gespielt wird. Das »Weekend-Festival« sendet einmal im Monat Avant-Pop, auch die Platten-Digger aus der Bar Acephale an der Luxemburger Straße gehen hier auf Sendung.  

 


Dublab ist ein Sender fürs Unberechenbare. Das reizt Joscha Creutzfeld. Er hat schon Webradio gemacht, als man sich noch per Modem oder ISDN ins Internet eingewählt hat. Seine Homebase war der dezentral organisierte  Sender Monofunk. »Es hat mich gereizt, dass ich alles auf einmal lernen musste, aber auch bei allem anpacken konnte: HTML, Webdesign, Content beisteuern, die nötige Tontechnik«, erzählt er.

 


Die Hürden für Webradios sind im Vergleich zu UKW-Sendern niedrig. Die Beiträge an die Verwertungsgesellschaft Gema sind geringer, und die Vorgaben der Landesanstalt für Medien sind weniger streng. Das macht es leicht, einen Internet-Sender aufzubauen: Lizenz, Provider, ein Computer samt Mikrofon, fertig ist die Station!

 


In Köln gab es schon früh Webradios. Schon in den 90er Jahren streamte Evosonic aus Ehrenfeld ins Kabelnetz, und einige der Evosonic-DJs machen heute Musik bei 674.FM, neben Dublab das aktivste Kölner Webradio. Dublab ging aus einem internationalen Webradio hervor, einem der ältesten: Dublab in Los Angeles. Seit 20 Jahren hat Dublab dort die Musiklandschaft geprägt, und ähnliches passiert auch in anderen Städten. Musikerinnen und Musiker besuchen auf ihren Tour-Stops nicht mehr nur Plattenläden, um an die lokale Szene anzuknüpfen, sondern bemühen sich auch um einen Besuch oder Gastauftritt im Radio.

 


Als mitterlerweile eigenständiger Sender hat auch Dublab seit dem letzten Umzug ein Studio, und was für eins: Hinter der bunt gekachelten 50er-Jahre-Fassade öffnet sich das Büro an der Sechzigstraße, zum Garten folgt das kleine, helle Studio. Über den vergangenen Sommer wurde die Station an den Ebertplatz ausgesiedelt, wo Dublab auch Sendungen zu lokalpolitischen Themen ausgestrahlt hat. Dieses Jahr sendet das Team ab Ende August beim »Cityleaks«-Festival  aus einem Bahnbogen in Ehrenfeld. Die »Sendehütte« haben befreundete Architekten entworfen. Sowohl bei Dublab als auch bei 674.FM arbeiten die Macher mit Menschen außerhalb des Radiokosmos zusammen: Es geht immer auch um anderes als Musik, etwa Design oder eben Politik.

 


Bezahlt wird dafür allerdings in der Regel niemand. Die Miete für das Studio ist ein großer Kostenpunkt, ebenso die Technik. Sie wird oft privat zur Verfügung gestellt, bis Stück für Stück neue Geräte angeschafft werden können, etwa gute Studiomikrofone. Sowohl das Studio als die Homepage, müssen einladend gestaltet werden, und das ist teuer. Ohne Idealismus geht es also nicht. Dublab finanziert sich über Spenden, manchmal gibt es auch Geld vom städtischen Kulturamt.

 


674.FM hingegen finanziert sich über seine Mitglieder, der Jahresbeitrag liegt zurzeit bei 120 Euro. Ist die Bewerbung auf einen Sendeplatz bei 674.FM genehmigt, ist die Gestaltung der Sendung weitestgehend frei. Das hört man 674.FM gerade im Vergleich zu Dublab auch an.
»Ein gewisses Controlling auszuweiten ist eine unserer großen Baustellen für die Zukunft«, sagt 674.FM-Pressesprecher Oliver Joerns. »Auf Dauer würden wir auch gern Fortbildungen für die Mitglieder anbieten, Moderationsworkshops beispielsweise oder zur Interviewführung.« Hier tut sich eine Parallelle zu Kölncampus auf.

 

Das Radio an der Universität Köln schleust jedes Mitglied durch eine Grundausbildung in Radiojournalismus, auch wenn jemand eigentlich nur ein paar Punkrock-Platten spielen will. »Wir sind gar nicht so an Leuten, die Radioprofis werden wollen, interessiert«, sagt Pressesprecher Oliver Joerns. Der Reiz liege vielmehr in der Mischung, fügt Karl-Heinz Müller, Vereinsvorsitzender und die gute Seele des Senders, hinzu. Rund 120 Leute produzieren um die 80 Sendungen pro Monat und damit rund 50 Stunden Live-Programm jede Woche. Darunter finden sich einige Menschen, die professionell mit Musik zu tun haben, zum Beispiel auch Freie Mitarbeiter des WDR, die die gerne mal ihre eigentliche Lieblingsmusik im Radio spielen wollen. Oder Menschen, die für lokale Medien über Musik schreiben. Es sind aber auch viele Journalismus-Amateure, Sammler oder DJs dabei. Oliver Joerns zieht eine Verbindung zur Fanzine-Szene, jenen selbstproduzierten Magazinen, die auch einen Teil von Joerns persönlicher Geschichte ausmachen. »Im Grunde sind wir auch dafür offen, dass hier mal jemand mit Schülern etwas macht«, sagt er. »Ist aber bisher noch nicht vorgekommen.«

 


Mehr Hörer will 674.FM damit nicht zwangsläufig finden. Man freut sich schon darüber, dass der Verein wächst. »Von Anfang an war der Gedanke, dass der Sender auch ein Begegnungsort ist. Jeder Sendungsmacher generiert sein Umfeld«, sagt Karl-Heinz Müller. Das Studio seines Senders befindet sich an der Aachener Straße auf einem Gewerbehof neben einem Auto-Service. Schon vor 674.FM war dort ein Tonstudio — mit einem besonderen Luxus: Tageslicht. Darunter befinden sich ein Aufenthaltsraum und eine Küche. Der Vermieter ist selbst Vereinsmitglied, und ein zufälliger Schirmherr für eine ganze Community. »Dieses Studio ist ein Glücksfall«, sagt Karl-Heinz Müller. Ihm gegenüber steht der Sendetisch mit Plattenspielern, CDJs und Mischpult. Es ist das Herz jedes Radiosenders. Auch ihn hat ein Vereinsmitglied, ein Schreinermeister, gebaut: »Hier bei uns kann man zusammenkommen«, sagt Müller und lehnt sich zurück.

 





Von: Hanna Bächer
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