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Ausgabe: 2.2012

Kategorie: Thema
Stichwort: Revolution in Ägypten

»Kameras als Waffen«

Am 11. Februar jährt sich der Sturz des früheren ägyptischen Diktators Husni Mubarak. Daniel Poštrak und Christian Steigels haben mit der Aktivistin Lobna Darwish über die Entwicklung der Revolution gesprochen


Fahrräder zu Panzern: auch der Street Artist Ganzeer wird im März zu Gast in Köln sein, Foto: Mehri Khalil

StadtRevue: Frau Darwish, an welchem Punkt ist die Revolution in Ägypten?

 

Lobna Darwish: Das Ende von Mubarak nach 30 Jahren Diktatur war eine großer Erfolg. Aber wir haben von Anfang an nicht nur seinen Rücktritt gefordert, sondern das Ende eines Regimes. Es geht darum, unser Leben in unserem Land zu ändern. Wir wollen Gerechtigkeit und Gleichheit, politisch, sozial und wirtschaftlich. Die Revolution hat eigentlich erst begonnen.

 

Welche Rolle spielen die derzeitigen Wahlen?

 

Abgesehen davon, dass Wahlbeobachter jetzt schon von Unregelmäßigkeiten und unzulässiger Beeinflussung der Wähler sprechen, denke ich, dass das gewählte Parlament wenig Einfluss haben wird. Der Militärrat wird versuchen, so viel Macht wie möglich zu behalten. Die Wahlen sollen vor allem ein demokratisches Bild zeichnen, während weiterhin viele Menschen im Gefängnis sitzen oder auf der Straße getötet werden.

 

»Seit Januar 2011 sind 12.000 Menschen verhaftet worden«

 

Man hatte in der Tat in den vergangenen Wochen den Eindruck, dass sich die Repressionen gegenüber der Bevölkerung unter der Militärregierung noch verstärkt haben.

 

Der Militärrat versucht, die Revolution zu beenden. Ein Mittel ist Gewalt. Beim Maspiro-Massaker im Anschluss an eine Demo koptischer Christen im Oktober wurden 28 Menschen getötet. Mitte Dezember wurden auf dem Tahrir-Platz an einem Wochenende mindestens 13 Menschen umgebracht und mehr als 800 verletzt. Zudem sind seit Januar 12.000 Menschen verhaftet worden.

 

Auf welcher Grundlage?

 

Diese 12.000 Menschen sind überwiegend keine Aktivisten. Es geht um Einschüchterung, darum, den Menschen zu zeigen: Wir haben die Kontrolle über das ganze Land! Der Militärrat benutzt für die Festgenommenen den Begriff »baltageya«, (wörtlich: Axtträger). Ursprünglich wurden damit die Schlägertrupps bezeichnet, die man während der 18 Tage bis zum Rücktritt Mubaraks (25.Januar bis 11.Februar 2011) auf den Plätzen eingeschleust hat, um die Demonstranten einzuschüchtern. Im März erließ der Rat ein Gesetz, in dem der Begriff vage zu einem Vergehen umdefiniert wurde, um alle, die sich den Autoritäten widersetzen oder ihnen schlicht missfallen, zu kriminalisieren. Das ist vor allem eine Klassenfrage. Wenn du arm bist, keine Ausbildung hast, oder einen Eintrag im Führungszeugnis, bist du als »baltageya« abgestempelt. Aber auch festgenommene Aktivisten werden als »baltageya« verunglimpft, weil sie angeblich die Revolution in den Dreck ziehen wollen. Der Rat kreiert ein mythisches Bild, wonach alle Revolutionäre ausschließlich aus der Mittelschicht stammten, während die Menschen auf den Straßen und Plätzen gebrandmarkt werden.

 

»Die arme Bevölkerung leidet am meisten«

 

Was passiert mit den Festgenommenen?

 

Fast alle, die seit Februar am Tahrir-Platz oder auf den Straßen festgenommen wurden, kommen vor ein Militärgericht. Dabei widerspricht es der Verfassung, Zivilisten vor ein Militärgericht zu stellen. Der Angeklagte hat dabei keine Rechte. Da werden Menschen, die nach der sich ständig ändernden Sperrstunde unterwegs waren, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Wir wissen zudem von mindestens sechs Todesurteilen, die auf gleiche Weise erfolgten. Ohne fairen Prozess, ohne Anwalt, ohne Kontakt zu den Familien, ohne die Möglichkeit, Einspruch einzulegen. Nichts. Wie in einer Geschichte von Kafka. Auch hier leidet die arme Bevölkerung am meisten. Für Aktivisten ist es oft einfacher, wieder raus zu kommen. Über bekannte Blogger wird mitunter sogar international berichtet, da entsteht ein anderer Druck. Die Armen haben es schwerer.

 

Unter anderem um all dies öffentlich zu machen, engagieren Sie sich in der Organisation Mosireen. Was verbirgt sich dahinter?

 

Mosireen ist ein Medienkollektiv. Die Idee geht zurück auf den Graswurzel-Journalismus der 18 Tage über Twitter, Youtube und Co. Das war ein essentieller Bestandteil der Revolution, der eine unglaubliche Macht entwickelte. Was fehlte, war ein gemeinsamen Ort, um zu arbeiten und zum Austausch. Im März haben wir daher Mosireen ins Leben gerufen. Der Begriff ist ein Wortspiel aus dem Begriff »Entschlossenheit« und dem arabischen Wort für Ägypten. Wir produzieren Videos und sorgen für eine umfassende Berichterstattung. Mosireens Youtube-Kanal ist mittlerweile der am zweithäufigsten geschaute Kanal in Ägypten. Zudem stellen wir Schnittplätze, Computer und Video-Equipment zur Verfügung. Und zu guter Letzt sehen wir uns als Archiv der Revolution. Ohne uns würde sonst das Märchen verbreitet, die Armee sei Teil der Revolution gewesen. Das wird schon jetzt in den Schulen gelehrt. Dagegen kämpfen wir.

 

»Wir schaffen eine Gegenöffentlichkeit«

 

Allerdings: Die arme Bevölkerung hat keinen Zugang zu Youtube und den sozialen Netzwerken.

 

Seit Dezember führen wir mit unserem Projekt Tahrir-Cinema auch Videos auf den Straßen und Plätzen öffentlich vor. Das breitet sich rasend schnell aus – wir hatten an einem Tag schon 15 Vorführungen im ganzen Land, mit jeweils mehreren hundert Zuschauern. Man merkt, dass in den armen Vierteln die Leute sehr empfänglich sind. Die meisten wissen nichts von der Gewalt, die die Armee gegen die Bevölkerung ausübt. Im staatlichen Fernsehen läuft so etwas nicht. Nach den Vorführungen wird oft stundenlang diskutiert. Es ist eine ganz andere Art des gemeinsamen Fernsehschauens, eine sehr aktive. Wir schaffen eine Gegenöffentlichkeit, die kaum zu zensieren ist. Das ist ein fantastisches Werkzeug des Widerstands. Oftmals münden die Screenings in einen Protestmarsch durch das Viertel, das passiert auf sehr organische Weise.

 

Die Vorführungen dienen also auch zur Mobilisierung?

 

Natürlich. Wir wollen vor allem zum Jahrestag am 25. Januar mobilisieren. Wir sagen den Menschen bei den Screenings: Wenn ihr euch über das, was die Videos zeigen, entrüstet, dann geht am 25. Januar auf die Straße. An diesem Tag wird man sehen, ob wir erfolgreich waren.

 

Was unternimmt der Militärrat dagegen?

 

Die Armee versucht, uns festzunehmen, zerstört Equipment, all das. In den vergangenen Wochen wurden mindestens drei Kameras konfisziert oder zerstört. Die Arbeit ist gefährlich. Vor allem, weil wir keine NGO sind, werden wir weder offiziell anerkannt noch finanziell unterstützt. Wir haben nur unsere Kameras als Waffen, und auf der anderen Seite wird echte Munition benutzt.

 

»Ich sehe uns als Teil einer weltweiten Bewegung«

 

In den USA und in Europa ist seit dem vergangenen Jahr die Occupy-Bewegung sehr aktiv. Viele nennen die Aufstände in der arabischen Welt als Vorbild. Fühlt Sie sich verbunden?

 

Definitiv. Viele Ägypter sind stolz, dass wir  ausnahmsweise mal als Inspiration wahrgenommen werden. Auf einmal gibt es ein Gefühl, auf Augenhöhe zu sein, nicht mehr dieses »Wir zeigen euch, wie Demokratie geht«-Verhältnis. Ich sehe uns als Teil einer weltweiten Bewegung.

 

Wie können westliche Protestbewegungen Ihren Kampf unterstützen?

 

Es wäre wichtig, dass Aktivisten in Europa und insbesondere den USA ihre Regierungen auffordern, die Unterstützung des Militärrats zu beenden. In den vergangenen Monaten hat die Armee enorme Mengen Tränengas gegen die Proteste eingesetzt, in mindestens drei Fällen mit tödlichem Ausgang. Dieses Tränengas wird von den USA geliefert, ebenso Munition. Nach Israel ist Ägypten immer noch der zweitgrößte Empfänger von amerikanischer Unterstützung in der Welt. Da geht es um Milliarden.

 

Lobna Darwish Die 25-jährige Ägypterin hat an der University of California, Davis in den USA, Vergleichende Literaturwissenschaften studiert, kam aber Anfang des Jahres zurück nach Ägypten, um bei der Revolution mitzuwirken. Heute engagiert sie sich unter anderem im Medienkollektiv Mosireen (mosireen.org). Darwish wird im März im Rahmen der Informationsveranstaltung »Horreya – Die Revolution hat erst begonnen« zu Gast in Köln sein.

 

Horreya – Die Revolution hat erst begonnen Im Rahmen der Infotour werden drei ägyptische Aktivisten über den Verlauf der Revolution und die aktuelle Situation in Ägypten berichten. Sie engagieren sich dort in verschiedenen Initiativen und Kampagnen: in Stadtteilkomitees, Medien­kollektiven, als Straßenkünstler, Filmemacher, Blogger und  als Teil der Massenbewegung auf den Straßen Kairos. In Köln zeichnen sie anhand von Erzählungen, Bild- und Videobeispielen die Entwicklungen in Ägypten im vergangenen Jahr nach und wagen einen Ausblick auf mögliche Perspektiven
Von: Christian Steigels
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