StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 10.2014

Kategorie: Theater
Stichwort: Alltag & Ekstase

Die Superreflektierten

PiaMaria Gehle inszeniert Rebekka Kricheldorfs Ego-Satire Alltag & Ekstase


Die Evolution kennt keine Gnade. Sie katapultiert den Menschen, einst triebgesteuertes, naturverbundenes Wesen, in ein vergeistigtes Dasein voller Komplexe und Kompensationen. Soweit PiaMaria Gehles Interpretation, wenn sie Stanley Kubricks Affenszene aus »2001« zitiert, um in den bildungsbürgerlichen Selbstfindungs-Imperativ  einzusteigen. Janne ist fast vierzig, ein Projekte-Macher und immer noch auf der Suche. Seiner Ex-Frau hat er nur Orgasmusprobleme beschert. Die träumt von einem richtigen Mann. River, die 13-jährige Tochter, fahndet halsbrecherisch nach einem besseren Vater. Jannes eigener hat dagegen für jede Lebenslage einen religiösen Kult parat und den Frauen abgeschworen. Der Best-Ager erwartet seinen japanischen Lover Takeshi. Jannes Mutter Sigrun hat sich von allen familiären Verpflichtungen frei gekauft und baut ein Ökohaus. Es grüßen die Hippies.

 

Inszenatorisch gelingt Gehle, ehemalige Intendantin des Theater der Keller, nicht viel Markantes. Auf dem Sofa schieben sich die Figuren untereinander gekonnt die Schuld für ihre Misere zu. Schließlich sind sie erprobt in Gesprächstherapie und Selbstverwirklichungsstrategien. Klug ist, dass Gehle Takeshi, den Gegenpart, von allen Schauspieler verkörpern lässt. Er will lieber Volkslieder auf dem Oktoberfest singen und hält nichts von westlichen Lebensentwürfen, von denen ihn Janne in reflektierter Dauerschleife überzeugen will. Valentin Stroh gibt diesen nicht so gewandt verunsichert, wie es die Vorlage anbietet. Mit einem albernen Drogenritual hilft ihm schließlich Takeshi, sein »gequetschtes Gespenst« zu befreien. Thomas Wenzel überzeugt mit seinem warmen Sprech-Sound, als Günther bleibt sein Kultwahn jedoch unausgeschöpft. Wenn sich Katja bei Sigrun (Bettina Muckenhaupt) hysterisch über deren unreifen Sohn beschwert, zeigt Fiona Metscher, dass der Text nur mit Überzeichnung glückt und viele Pointen verschenkt wurden.

 

Kricheldorfs amüsante Rückbesinnung auf Ritus und Religion ist zwar voller Selbstoptimierungs- und Alt-68er-Klischees, sie ist aber sprachlich dicht und psychologisch kenntnisreich. Den um sich selbst kreisenden Erwachsenen fliegt immer wieder alles um die Ohren. Takeshi verschwindet. Das Ökohaus brennt ab. Zur verhaltensauffälligen River findet keiner mehr Zugang und es gibt einen Todesfall.

 

In diesem Jahr war Kricheldorf mit ihrem »Sittenbild« für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert. Nicht ohne Kontroversen. Bei PiaMaria Gehle gibt es streckenweise nur eine bessere Lesung.

 


Von: Konstantin Alexiou
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