StadtRevue Archiv | Artikel

Ausgabe: 5.2018

Kategorie: Trinken & Essen - Neueröffnung
Stichwort: Nachtisch #69

Zu schade für den Rasenmäher


Wildsammlung findet in Köln vor allem im Supermarkt statt — Bärlauch aus Frankreich etwa oder im Spätsommer Pfifferlinge aus Serbien. Wieder vor der eigenen Haustür zu pflücken, ist — mal abgesehen von der gelegentlichen Brombeere im Park —, kein breitentauglicher Trend. Denn uns Städtern fällt es schwer, auszumachen, was ungiftig und unbelastet ist und was wir ungestraft ernten dürfen. Dabei gäbe es auch hier viele Pflanzen, mit denen man beim nächsten Dinner ordentlich auf der Nachhaltigkeitsskala punkten könnte.

 

Mit Löwenzahn zum Beispiel. Wohl kaum ein Kraut auf der heimischen Wiese sagt so viel aus über Zeitgeist, Identität und ökologischen Zustand wie diese schlichte gelbe Blume: sie ist Vorbote des Sommers, Bienenweide — und Hinweis auf überdüngte Böden. Aber auch kulinarisch lohnt ein Blick auf die Pflanze, die je nach Region als Ketten- und Kuhblume, oder aufgrund ihrer harntreibenden Wirkung auch als Bettseicher und in Frankreich als piss-en-lit bezeichnet wird. In Deutschland wurden die jungen Blätter früher als leicht bitterer Salat gegessen, die Blüten zur Herstellung eines honigartigen Sirups verwendet und die Wurzeln für Kaffee-Ersatz getrocknet. Im bekanntesten deutschen Kochbuch des aus-gehenden 19. Jahrhunderts, im »Praktischen Kochbuch« von Henriette Davidis, findet sich der Hinweis auf eine spinat-ähnliche Zubereitung, und noch das »Große Dr. Oetker Kochbuch« von 1959 listet ein Rezept für einen einfachen Löwenzahn-Salat. Danach verliert sich hierzulande die Spur im einsetzenden Wirtschafts- und Konsumwunder.

 

Gegenwärtig wird die Pflan-ze aber nicht nur von einer Handvoll zertifizierter Kräuterpädagogen geerntet. Auch Migranten halten die Löwenzahn-Tradition aufrecht. Denn auch in Köln kann man ihn bekommen, beispielsweise beim türkischen Gemüsehändler in Kalk als karahindiba oder im libanesischen Imbiss in der Altstadt als Hindbe-Sandwich.

 

Wem das alles zu bodenständig ist, dem sei das Rezept des Noma-Starkochs René Redzepi empfohlen: Löwenzahn-Schößlinge aus eigener Ernte in einer Schüssel mit Heu und Bärlauch-Brühe anrichten und Pollen-Vinaigrette dazu reichen. Denn nicht nur auf der Weide, auch auf dem Teller ist der Löwenzahn eine aussagekräftige Pflanze.

 


Von: Johannes J. Arens