Wir blicken alle in den gleichen Himmel

Mit Karlheinz Stockhausens »Stern­klang« hätte man auf dem »Acht Brücken«-Festival die viel­leicht kos­mischste Kom­position über­haupt wieder­entdecken können.

Einladung zum Flanieren: Birmingham Contemporary Music Group, Foto: Werner Scholz

Einladung zum Flanieren: Birmingham Contemporary Music Group | Foto: Werner Scholz

Stichtag Donnerstag 30. April: An diesem Datum sollte in Köln eigentlich ein außergewöhnliches, vermutlich ein­maliges Ereignis stattfinden: Wann hat man schon Gelegenheit, Neue Musik im Kölner Fußballtempel zu hören?

Denn was im Stadion aufgeführt werden sollte, aber nun wegen des Virus erstmal nicht stattfinden wird, ist Karlheinz Stockhausens Großkomposition »Sternklang« (1971). Es ist ein Stück, mehr noch: eine Performance für fünf voneinander räumlich getrennte Gruppen, die voraussetzt, dass sie von möglichst vielen Leuten, die frei von Gruppe zu Gruppe flanieren, gehört wird. Selten gab es ein Stück aus der »Avantgarde«, das so sehr die Öffentlichkeit braucht — und sie musikalisch durch eine überaus warme, zugewandte, zutiefst harmonische Grundstimmung anspricht. Das liegt an der so kindlichen wie einleuchtenden Botschaft des Komposition: Die Sternbilder über uns sind immer dieselben, unser Blick in den Himmel offenbart, dass wir alle aus einer bestimmten Perspektive schauen — der Perspektive unseres Planeten —, dass also zwischen uns eine tiefwurzelnde Verbindung besteht. Das Stück ist eine einzige Feier höherer — kosmischer — Harmonie. Kein Wunder, dass »Sternklang« es in das Kulturprogramm olympischer Spiele schaffte, gleich zweimal: 1972 in München und 1984 in Los Angeles. Und kein Wunder, dass das »Acht Brücken«-Festival, das dieses Jahr die Verbindung von Musik und Kosmos feiern will, damit eröffnet.

Einladung zum Abendspaziergang

Stephan Meier, künstlerischer Leiter von »Das Neue Ensemble« (Hannover) und der »Birmingham Contemporary Music Group«, hat mit seinen Gruppen die musikalische Gesamtleitung für die Kölner Inszenierung übernommen, es wäre die erste! Er weiß, dass bei Stockhausen, insbesondere beim späteren, längst etablierten und zum Star avancierten, stets der Größenwahn in den Kompo­sitionen lauerte. Aber, verspricht Meier im Gespräch, nichts davon in »Sternklang«. Es ist eine Einladung zum Abendspaziergang, sagt er, die Leute sollen sich ungezwungen bewegen, in den Himmel schauen, Musik hören und von sich aus auf die Beziehung zwischen Musik und Kosmos kommen. Nie wird es möglich sein, alle fünf Gruppen gemeinsam zu hören, dazu ist der Abstand zu groß, aber jede Gruppe arbeitet nach den gleichen Prinzipien. Diese können wir entdecken, ebenso ihre Varianten, ihre unterschiedliche klangliche Verwirklichung.

Zudem werden Verbindungen zwischen den Gruppen hergestellt: Etwa durch einen Tamtam-Spieler, der in der Mitte des Stadions steht, und durch Signale für die Synchronisierung der Gruppen sorgt. Außerdem durch »Klangläufer«, Musiker mit Melodieinstrumenten, die sich von Gruppe zu Gruppe bewegen und musikalische Botschaften übermitteln. Die Grundidee Stockhausens sei simpel — und deshalb so raffiniert, meint Meier. Stockhausen erkennt in den Sternzeichen die Ausgangspunkte für rhythmische und harmonische Konstellationen. Diese Konstella­tionen, Beziehungen zwischen Klängen, entnimmt Stockhausen dem Reich der natürlichen Obertöne und ihrer Maße, weswegen der Klangeindruck so organisch und intuitiv zugänglich scheint. Der Blick in den Himmel ist für Stockhausen identisch mit dem — natürlich imaginären — Blick in unser Inneres, für ihn ein selbstverständlicher Prozess. Die uni­versale Verbreitung des Obertongesangs in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit mag dafür ein Beleg sein.

Verbindung zum Kosmos

So viel die Partitur harmonisch, rhythmisch und weltanschaulich festlegt, so zahlreich eröffnet sie den Musikerinnen und Musikern Möglichkeiten zur Improvisation. Auch die Performer müssen ihre Verbindung zum Kosmos begreifen und für sich und im Zusammenklang mit den anderen aus ihrer Gruppe realisieren. Meier betont, wie sehr das Stück Lust zum Spielen macht. Dass die Komposition programmatisch ist, spielt während der Performance keine Rolle.

Das RheinEnergie-Stadion ist tatsächlich ein idealer Ort für diese Musik, denn es ist regensicher (die Gruppen werden nicht über das Spielfeld verteilt, sondern stehen an den Rändern), trotzdem hätten die Zuhörer den Blick auf den Himmel, der dann hoffentlich frühlingshaft wäre. Sternbilder würden wir trotzdem keine sehen, dazu ist die Luft in Köln zu schlecht, der Blick in den nächtlichen Himmel ist hierzulande einfach einer ins Schwarze. Weitergedacht würden wir so auch die Machtlosigkeit von Musik erfahren: Stockhausens Musik ­vermittelt das Bild einer Natur, die, mindestens im urbanen Raum, so nicht mehr erfahrbar ist.

»Sternklang«, Nr. 34 in Stockhausens Kompositionskatalog, ­entstand in einer Übergangsphase. Stockhausen, der 2007 mit 79 Jahren verstarb, hatte da schon längst sein »natürliches« Umfeld, die Kölner Avantgarde, verlassen und war ein Phänomen der internationalen, auf den Bruch mit Konventionen und Genregrenzen zielenden (Pop-)Musikszene geworden. 1971 war er von so unterschiedlichen Musikern wie den Beatles, Frank Zappa oder Miles Davis zur großen Inspiration erkoren worden. Die Idee der Synthese von elektronischen und konventionellen Klängen, meisterhaft verwirklicht in »Kontakte« (1958-60) und »Mikrophonie I« (1964), hatte Stockhausen in ein neues Prinzip des Spielens überführt. Kompositionen wie »Plus-Minus« (1963) oder »Kurzwellen« (1968) waren skelettierte Spielanweisungen, deren Umsetzung die Musiker selber herausarbeiten mussten. Es waren die Rock’n’Roll-Jahre Stockhausens: Er stellte eine »touring band« zusammen, die seine Metakompositionen sehr frei auslegten, als Klangregisseur am Mischpult — einem heutigen Club-DJ nicht unähnlich — verstand sich Stockhausen als aktiver Mitspieler. Er radikalisierte sein Konzept zur »Intuitiven Musik«, zu de facto freien Improvisationen, für die er mit lyrischen Texten die Inspiration lieferte, und zu Installationen wie der »Musik für ein Haus« (1968), die Joseph Beuys’ Ideal der »sozialen Plastik« entsprachen. Stockhausen schien der europäische Hippie- und Freak-Out-Komponist schlechthin zu sein.

Freiheit trifft auf Sternbilder

Ein Missverständnis! Ihm ging es nicht um die Befreiung der ­Musiker. Stets wollte er klangliche Zusammenhänge freilegen, die mehr ausdrücken, als unser subjektives Verhältnis zur Umwelt. Als er »Sternklang« schrieb, begannen die Ideen, mit denen Stockhausen über ein Jahrzehnt gearbeitet hatte, sich zu erschöpfen. In dieser Komposition trifft die Freiheit der Musiker, bestimmte Entscheidungen selbst zu treffen, mit der Bindung der Töne an die ewigen Sternbilder zusammen. Das gelingt und lässt die Musik so schillernd und funkelnd klingen. Noch. Spätestens ab Mitte der 70er Jahre hatte er sich von allen improvisatorischen, »intuitiven« Elementen in seiner Musik distanziert — und sich zum Sprachrohr einer kosmischen ­Ordnung gemacht, die er glaubte durchdrungen zu haben. Seine Karriere als Großesoteriker und Schamane von Kürten, seinem Wohnsitz im Bergischen, begann, mehr ein Fall für die »Panorama«-Seiten als fürs Feuilleton.

»Sternklang« ist somit auch ein melancholisches Ereignis. Dass die musikalische Avantgarde direkt »die Massen« ansprechen wollte; dass eine aufgeschlossene Popkultur in dieser Musik ihr Vorbild ­entdeckte; dass ein exzentrischer Komponist in der Lage war, rationale, humane Musik zu schreiben: Das alles gab es mal.

Stadtrevue präsentiert:

Karlheinz Stockhausen: »Sternklang«

Eröffnungskonzert »Acht ­Brücken«,
Do 30.4., RheinEnergie-Stadion, 19.30 Uhr (bis 22 Uhr, keine Pause)

Die Corona-Krise geht auch an der Stadtrevue nicht spurlos vorbei. Auch uns sind wichtige Einnahmen weggebrochen. Auf stadtrevue.de/support könnt ihr uns unterstützen. Danke!