Warm dran! Köln vor dem Hitzesommer – Teil 2

 

Sag mal, wie kühlst Du Dich?


In der Corona-Krise zählen ältere Menschen zur Risikogruppe. Nun tritt womöglich die Bedrohung durch einen weiteren Hitzesommer hinzu


Sommer, das bedeutet nicht nur gute Laune und Spaß am Baggersee oder im Park. Sommer macht auch einsam, wenn man die Hitze als körperliche Bedrohung erfährt. So geht es vor allem älteren Menschen. »Im Juli und August machen die Temperaturen ja schon jungen Menschen zu schaffen, alte Menschen bleiben dann meist zu Hause«, sagt Martin Theisohn, seit 2006 Seniorenvertreter der Stadt Köln. Er kennt das aus eigener Anschauung: »Beim jährlichen Senioren-Sommerfest in Höhenberg-Vingst merken wir das jedes Mal«, sagt er. »Wenn es ein paar Tage zuvor heiß war, bleiben viele Menschen auch sonntags daheim, weil sie gestresst sind.« Aber auch zu Hause ist die gesundheitliche Belastung oft hoch. »Wenn es in der Wohnung mehr als 30 Grad sind, und die Menschen zu wenig Wasser trinken, führt das zu Kreislaufstörungen, Schlaganfällen oder Desorientierung. Eine solche Exsikkose ist ein relevantes Krankheitsbild«, sagt Martin Theisohn, der als Arzt gearbeitet hat. »Die Ursachen können zwar meist in 24 Stunden mit einer Elektrolyt-Infusion behoben werden. Aber es ist mit einem Krankenhausaufenthalt verbunden, und das wird gerade in Zeiten von Corona als bedrohlich und belastend empfunden.«

Dass aufgrund der hohen Temperaturen tatsächlich eine gesundheitliche Gefahr besteht, die auch tödlich sein kann, belegen wissenschaftliche Untersuchungen. Nur über das Ausmaß besteht Uneinigkeit. Denn zum einen beruhen die Studien auf systematischen Schätzungen und komplizierten statistischen Verfahren, und zum anderen ist »Hitzetod« schwierig zu definieren. Im Juni 2019 veröffentlichte das Robert-Koch-Institut (RKI) eine viel beachtete Untersuchung an­hand eines neuen Modells, um eine Reihe von erhobenen Zahlen richtig einzuordnen. Das RKI bestätigte damit Ergebnisse im Bundesgesundheitsblatt vom Monat zuvor. Dort war unter anderem analysiert worden, dass der bis dahin heißeste Sommer 2003 rund 7600 hitzebedingte Todesfälle verursacht hatte. Die Wissenschaftler fordern eine standardisierte Erhebung von Zahlen, bislang gibt es das nur vereinzelt. Abgesehen von den Todes­fällen ergeben sich durch die Hitze ohnehin gravierende Belastungen und verstärken das Risiko, dass der gesundheitliche Allgemeinzustand sich erheblich verschlechtert. Was tun?

»Senioren bekommen oft zu hören, sie müssten viel Wasser trinken. Das ist natürlich richtig«, sagt Martin Theisohn. »Aber weil bei älteren Menschen das Durstempfinden nachlässt, geschieht das oft nicht. Sie müssen sich dann geradezu dazu zwingen, ansonsten kann die Nierenfunktion ausfallen.« Wo niemand ist, der alte Menschen dabei unterstützt, steigt das Risiko. Hinzu kommt ein Problem: Wenn bei Menschen das Herz schwächer wird und sich Wasser in den Beinen ablagert, sollen sie gerade weniger trinken. Sonst schwellen die Beine an, können sich entzünden. Viele Betroffene bekommen daher Tabletten zum Entwässern verschrieben. Einerseits trinken, andererseits entwässern. Es ist ein Dilemma.

Wer allein zu Hause lebt, ist stärker bedroht als jemand, der einmal am Tag von einem Ambulanten Pflegedienst besucht oder aber in einem Seniorenheim wohnt, also nicht ganz auf sich allein gestellt ist. Aber in vielen Pflegeheimen herrschten in den Hitzephasen oft Temperaturen, die alte Menschen gefährden können, sagt Theisohn. Diese Umstände seien nicht ausreichend als Risiko bekannt. Auf Initiative von Theisohn haben daher die Seniorenvertretungen von Köln und NRW angemahnt, dass auch in Pflegeheimen »insbesondere bei Neubauten, aber auch in bestehenden Einrichtungen eine aktive Kühlung in Zukunft erforderlich sein wird.« Lüften, Sonnenblenden oder etwas Ventilation reiche nicht, so Theisohn. Allerdings ist eine solche aktive Kühlung teuer. Wie viele Hitzesommer braucht es noch, um trotzdem zu erkennen, dass sie geboten ist, um die Gesundheit von alten Menschen in Pflegeeinrichtungen zu schützen? »Das Thema hat wenig Sex-Appeal in der Politik«, sagt Theisohn. Immerhin würde bei Neubauten darauf geachtet, sagt er, und nennt zwei Beispiele aus Porz.

Eine ganz ähnliche Problematik schränkt die Mobilität älterer Menschen ein und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben: Auch Busse und Bahnen stellen für sie eine Gefahr dar. »Der ÖPNV ist es gewohnt, im Winter zu heizen und im Sommer einfach die Fenster aufzumachen — aber das reicht jetzt nicht«, sagt Theisohn, der auch im »Initiativkreis Senioren« der KVB sitzt. »Es braucht auch hier eine aktive Kühlung.« Allerdings werden auch dort bislang derartige Pläne nicht verfolgt. So ist die Luft in den Stadtbahnen im Sommer oft heiß und stickig, sogar die Kippfenster bleiben verschlossen. Nur neuere Bahnen haben sogenannte Temperierungsanlagen. Aber damit wird nicht die Luftfeuchtigkeit gesenkt, sondern bloß die Raumtemperatur. Öffnen sich allerdings wie üblich die Türen an jeder Haltestelle, ist auch dieser Effekt viel geringer als in geschlossenen Waggons. »Es geht nicht nur darum, dass möglichst viele Menschen, vor allem alte, gut an das ÖPNV-Netz angeschlossen sind, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, sondern auch darum, dass sie in Bussen und Bahnen Aufenthaltsbedingungen vorfinden, die sie nicht gesundheitlich belasten«, sagt Theisohn. Ansonsten blieben immer mehr Menschen zu Hause. Dort, wo ihre Probleme niemand bemerkt.

Text: Bernd Wilberg

 

 

 

»Die Coronakrise zeigt, dass gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind«

»Fridays for Future Köln« hofft, dass die Coronakrise die Klimakrise nicht in den Hintergrund drängt, und hofft auch auf mehr Protest — zur Not im Netz

Durch das Coronavirus ist die Klimakrise in den Hintergrund gerückt. Kann sich die Welt nur mit einer Krise beschäftigen?

Mia Gruber: Es ist wichtig, jede Krise auch als Krise zu behandeln. Dementsprechend ist es verständlich, dass die Coronakrise gerade viel Raum einnimmt. Aber eigentlich sprechen wir ja über eine Krise in der Krise. Die Folgen von Corona- und Klimakrise sind nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern gemeinsam anzugehen und zu bekämpfen. Das ist auch das, was wir uns derzeit von der Politik wünschen.

Paul Berg: Die Auswirkungen der Coronakrise sind viel näher bei einem, wenn man sieht, wie Tausende Menschen derzeit sterben. Klar, wir haben heißere Sommer, die Biodiversität nimmt ab, das Bienensterben nimmt zu, wir haben erhöhte Schadstoffwerte. Das sind alles klare Indikatoren für den Klimawandel. Aber für viele Menschen im globalen Norden ist das vernachlässigbar, man kann davor die Augen verschließen. Das macht die Klimakrise ja so gefährlich. Sie ist ein unsichtbarer Feind, eine schleichende Bedrohung.

Derzeit scheint diese Bedrohung doch abzunehmen. Die Schadstoffemissionen sinken, weil der Flug- und Autoverkehr zurückgegangen sind und die industrielle Produktion zurückgefahren wurde. Die Klimaziele sind in Reichweite.

Berg: Ich habe den Eindruck, dass gerade viele Menschen denken, dass die Klimakrise in den Hintergrund rückt, weil die Schadstoffbelastung zurückgeht. Aber die zweite Krise schläft ja nicht. Wir werden in diesem Jahr zwar vermutlich einen geringeren Emissionsausstoß haben als in den letzten Jahren, aber das ändert grundsätzlich nichts an unserem Verhalten, mit dem wir die Klimakrise verursachen. Und ich sehe nicht, dass wir da von langfristigen Veränderungen sprechen. Das kommt wie ein Jo-Jo zurück.

Gruber: Man kann höchstens sagen, dass wir im Kampf gegen die Krise gerade etwas Zeit gewinnen. Aber die Krise ist nicht bewältigt. Es geht aber nicht darum, eine Krise auf Kosten der anderen zu priorisieren. Das würde ja bedeuten, dass man Leid gegeneinander ausspielt. Wir möchten beide Krisen bekämpfen.

Aber kommt die Coronakrise für die Klimabewegung nicht zur Unzeit? Im ver­gangenen Jahr haben die Klimaproteste so viel Wucht entfaltet wie nie zuvor.

Berg: Es bringt ja nichts, wenn man sagt: Das ist jetzt aber alles blöd gekommen. Es ist einfach anders gekommen und damit muss man sich arrangieren. Das ist eine Einschränkung, aber auch eine Chance.

Wie organisieren Sie sich gerade?

Gruber: Wir hören — wie in der Klimakrise auch — auf die wissenschaftlichen Empfehlungen und sehen von Präsenzveranstaltungen ab. Unsere Arbeit findet größtenteils online statt…

Die Klimabewegung hatte ihre Stärke durch die Vernetzung und Sichtbarkeit auf der Straße. Geht da nicht viel verloren?

Berg: Ich habe zwischendurch Wochen mit drei Telefonkonferenzen am Tag. Das ist anstrengend, eröffnet uns aber auch neue Möglichkeiten. Wir hatten eine Protestaktion mit der Kölner Ortsgruppe geplant: eine Fahrradtour von Köln nach Berlin Anfang September. Wir wissen zwar noch nicht sicher, ob die stattfinden kann, aber wir haben die Organisation der Aktion für ganz Deutschland geöffnet. Weil es ja egal ist, wer bei der Planung mitmacht, wenn man sich ohnehin digital trifft. Krisen erfordern krasse Maßnahmen, aber sie sind auch immer Chancen. Und wir haben die Chance, eine Entwicklung zu nehmen.

Gruber: Ein großes Thema sind die anstehenden Tarifverhandlungen von Busfahrer*innen in verschiedenen Unternehmen. Dass Online-Meetings gerade zum Alltag werden, erleichtert uns zum Beispiel auch die Vernetzung mit den Busfahrer*innen, um gemeinsame Aktionen zu planen. Auch Busfahrer*innen sind Klimaretter*innen!

Viele Organisationen hatten große Probleme, ihre Strukturen kurzfristig zu digitalisieren. Hatte die Klimabewegung da einen Vorteil?

Berg: Ich weiß nicht, wie das anderen gelingt, aber uns ist es gut gelungen. Und wir haben die Zeit auch genutzt, um unsere Strukturen zu verbessern, was etwa Kommunikations- und Ansprechpersonen angeht.

Konnten Sie auch online Aufmerksamkeit erzeugen?

Berg: Die größte Popularität hatte der Netzstreik fürs Klima am 24. April. Es gab Reden und Kundgebungen, wir haben Aktionen gemacht, bei denen man etwa seine Plakate posten konnte. Wir werden in der nächsten Zeit aber sicherlich wieder in kleinen Gruppen für Aktionen rausgehen.

Fehlt Ihnen der Protest auf der Straße?

Berg: Auf jeden Fall. Es tut gut, wenn man sieht, dass man nicht alleine ist, sondern dass da viele andere Menschen sind, die gegen soziale Ungerechtigkeit und die Klimakrise angehen.

Gruber: Und wir erreichen auf der Straße Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, weil die Demo vor ihrer Haustür vorbeigeht.

Verbinden Sie auch Hoffnungen mit der Coronakrise?

Berg: In den politischen Handlungen ist eine Sache für uns besonders wichtig zu sehen: Dass auf einmal Geld da ist, von dem vorher nie gesprochen wurde, wenn es darum ging, die Klimakrise zu bekämpfen. Das soll nicht heißen, dass es falsch ist, dass Geld in der jetzige Krise zu investieren. Das soll heißen, dass es auch in der Klimakrise von großer Bedeutung ist, dass Geld investiert wird.

Das Geld, das in der Coronakrise fließt, könnte künftig beim Klimaschutz fehlen.

Berg: Mit dem Geld, das jetzt investiert wird, müssen wir beide Krisen bekämpfen. Die Rettung der Lufthansa oder diverser Automobilkonzerne kann man nachvollziehen, weil daran viele Arbeitsplätze hängen. Aber sie darf nicht ohne Bedingungen bleiben. Die Unternehmen sollten zu Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit verpflichtet werden. Wirtschaftsförderung darf nicht zum Freifahrtschein für die Konzerne werden. Eine Abwrackprämie, die nur darauf abzielt, die Wirtschaft zu fördern, ist viel zu kurzfristig gedacht.

Vielen Menschen haben im Alltag gerade andere Sorgen. Sie sind in Kurzarbeit oder müssen gleichzeitig ihre Kinder betreuen und arbeiten.

Gruber: Was uns die Coronakrise deutlich zeigt, ist doch, dass gesellschaftliche Veränderungen notwendig sind, um allen ein besseres Leben zu ermöglichen. Beide Krisen betreffen alle Menschen, aber nicht alle Menschen gleich stark. Die Folgen der Klimakrise spüren vor allem Menschen im globalen Süden, das verstärkt Ungerechtigkeit. Unter der Coronakrise leiden besonders Menschen, die keinen Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung haben. Die Notwendigkeit von gesellschaftlicher Veränderungen wird gerade vielen Menschen deutlich. Unsere Solidarität gilt allen Arbeiter*innen in systemrelevanten Berufen.

Berg: Deshalb sprechen wir ja von Klimagerechtigkeit. Klimaschutz bedeutet nicht, sich darauf zu beschränken, die physischen Elemente des Klimawandels, wie den Schadstoffausstoß, zu betrachten, sondern sich auch mit Wohlstandsverhältnissen auseinanderzusetzen.

Sind Sie zufrieden mit der Klimapolitik in Köln?

Gruber: Wenn wir zufrieden wären, müssten wir uns ja nicht politisch einbringen.

Berg: Wir müssen die Verkehrswende angehen. Köln muss fahrradfreundlicher werden und den ÖPNV stärken. Tatsächlich bin ich dagegen, den U-Bahn-Tunnel auf der Ost-West-Achse zu bauen. Der klimafreundliche oberirdische Ausbau wäre deutlich günstiger. Die U-Bahn könnte man sich sparen, wenn man die Straßen für Autos zurückbaut und dafür sorgt, dass Menschen sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad gefahrlos bewegen können. Außerdem sollten wir dafür sorgen, dass Köln über die Rheinenergie schnell komplett mit nachhaltigen Energien versorgt werden kann. Und wir müssen das Grünsystem schützen, man darf keine Flächen im Grüngürtel versiegeln oder bebauen. Wir brauchen frische Luft in der Stadt. Mit dem Klima ist es wie mit dem Kölsch: Warm ist kacke.

Interview: Jan Lüke

 

Mia Gruber, 20, studiert Psychologie, Paul Berg, 19, Geographie, jeweils an der Uni Köln. Beide engagieren sich seit Okotber 2019 bei Students for Future. Die ­studentische Ortsgruppe in Köln hat derzeit circa 60 Mitglieder. Vom 25. bis 29. Mai organisiert Students for Future Köln die zweite Public Climate School. Die Vorträge und Workshops zum Thema Klimaschutz und Klimagerechtigkeit finden diesmal alle digital statt. Die Teilnahme ist kostenlos und allen zugänglich.
Mehr Informationen auf studentsforfuture.info/public-climate-school