»Entlove You«: Liebe im Kapitalismus; © Hans Diernberger

Ein Blick zurück

Es war das erste Jahr in der Pandemie, in der Theaterveranstaltungen wieder regulär stattfinden konnten. Ein guter Moment, um zurückzuschauen auf das Theaterjahr 2022 in Köln.

 
Hein Mulders ist neuer Intendant der Kölner Oper

Der Aufschrei war groß, als bekannt wurde, dass die Stadt Köln den Vertrag der Opernintendantin Birgit Meyer nicht verlängert. In einem offenen Brief protestierte sogar die deutschsprachige Opern­konferenz und bescheinigte der Intendantin eine gute Arbeit. Weiterführen muss die Ersatzspielstätte nun Hein Mulders, der seit der Spielzeit 2022/23 zum neuen Intendanten der Kölner Oper ernannt wurde. Zuvor leitete er das Aalto-Musiktheater Essen, die Philharmonie Essen und die Essener Philharmoniker. Eine »künstlerische Handschrift« versprach sich Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker von Mulders, doch die Kritik an ihm ist groß. Vor allem in der Oper habe er keine Bäume ausgerissen, kommentierte der Journalist Stefan Keim in Deutschlandfunk. In einem Interview mit der Kölnischen Rundschau sagte Hein Mulders: »Mir war natürlich klar, dass das hier keine unproblematische Situation ist.« Aber er plane trotz der mehrmals verschobenen Termine nun fest mit dem Umzug in die neue Oper in zwei Jahren. Im Januar wird »Cäcilia Wolkenburg« Pre­miere feiern, ein Divertissementchen von Lajos Wenzel zur Gründung des Kölner Karnevals vor 200 Jahren.

 

»Spark«: Musiktheater in Köln

Ein Spiel mit Facetten, ein Zusammenkommen verschiedener Formate: Im April fand zum ersten Mal »Spark« statt, ein Festival für aktuelles Musiktheater. »Es gibt so viele Akteure in Köln, aber keine Gelegenheiten und kaum geeignete Räume, um Musiktheater bekannt zu machen«, sagte damals Produktionsleiterin Eva Maria Müller. Neben Aufführungen, Workshops und Dirskursveranstaltungen entstand während der Festivaltage in der Alten Feuerwache ein Open Space, der sogenannte φeerroom, der interaktive Klang- und Rauminstallation, Bühne und Begegnungsstätte zugleich war. Jeden Tag fanden dort zwei Happenings der Performer*innen von the paranormal φeer group statt, um kreative Möglichkeiten auszuloten und ins Gespräch zu kommen. Auch das Kölner Ensemble Paradeiser Productions war dabei, das zuletzt den Heart Choir gründete, ein Chor der nur mit der Stimme Geräusche statt Gesang, Klangfarben statt Melodien und Texturen statt Rhythmen produziert.

 

»Art against War«

Unter diesem Titel fand im Schauspiel Köln Anfang März 2022 eine Solidaritätsveranstaltung statt anlässlich des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Organisiert hatte sie der Theatermacher André Erlen zusammen mit seiner Partnerin, der aus Lwiw stammenden Sängerin Mariana Sadovska. Künstler*innen aus Köln haben Texte ukrainischer Schriftsteller*innen gelesen, es gab Musik und Gespräche mit vom Krieg ­betroffenen Menschen, die per ­Videoschaltung auf die Bühne ­geholt wurden. Etwa mit dem Theatermacher Andriy May, der während des Gesprächs in Cherson im Schutzraum saß, mit kleinem Kind und seiner kranken Mutter. »Wir leben in einer Wohlstands- und Friedensblase und wir alle sind dazu aufgerufen, zu überdenken, auf wessen Kosten wir uns hier eingerichtet haben«, sagte André Erlen im Gespräch mit der Stadtrevue. Im November brachte er im Depot 2 die Inszenierung »Die Revolution lässt ihre Kinder verhungern« auf die Bühne, ein Stück über eine der größten humanitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts, bei der mehrere Millionen Menschen in der Folge der Zerstörung der Landwirtschaft in der Ukraine verhungerten.

 

Lärm um die Volksbühne

»Was wir gerade erleben, kann für viele Kulturstätten in der Stadt ein sehr großes Problem werden«, erzählte uns im Juli Jutta Unger vom Verein Freie Volksbühne Köln. Der Hintergrund: Ein Nachbar hatte gegen die Volksbühne am Rudolfplatz, ehemals Volkstheater Millowitsch, Klage wegen Lärmbelästigung eingereicht. Das Verwaltungsgericht Köln entschied Ende Mai zu seinen Gunsten. Einer der ältesten und traditionsreichsten Kultureinrichtungen der Stadt ist damit von der Schließung bedroht.  Da das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, finden auch weiterhin Konzerte und Theaterveranstaltungen dort statt. »Wir stehen im Schulterschluss mit der Stadt. Diese steht in der Pflicht, ein historisches Theater zu erhalten. Darüber hinaus haben wir den Beistand einer kompletten Kulturszene, die durch dieses Urteil extrem beunruhigt ist«, erklärte Axel Molinski, Geschäftsführer der Volksbühne. Gemeinsam mit Mitstreiter*innen aus Politik und Kultur will er für den Erhalt der Bühne kämpfen und hat Berufung gegen das Urteil eingereicht.

 

Inklusives Theater

Gleich zwei inklusive Theaterfestivals fanden in diesem Jahr in Köln statt: Das Sommerblut im Mai, das mit mixed-abled Ensembles und Tanzkompanien die Spielstätten und Plätze der Stadt bespielte. Auf dem Programm unter anderem: »Entlove You!« unter der Regie von Ana Valeria González über die Liebe im Kapitalismus. Auf der Bühne rund zwanzig Performer*innen, alle gekleidet in weißen Brautkleidern, die fragen, wie Liebesbeziehungen neu gedacht werden können. Und es fand statt: das RoboLAB-Festival im Odonien, das sechs Tage lang mit dem Ansatz »Aesthetics of Access« erforschte, wie Kunstwerke von Beginn an möglichst barrierefrei konzipiert werden können.

 

»Zahl, was du kannst«

Solidarisches Zahlen für’s Theater? Das Freie Werkstatt Theater startet von Januar bis Februar 2023 ein Pilotprojekt, um Barrieren für kulturelle Teilhabe abzubauen: Wer wenig Geld für Theater, Kino oder andere Extras hat, zahlt einen niedrigeren Eintrittspreis, Nachweise werden dafür nicht mehr verlangt. Die neuen Preisstufen bewegen sich zwischen sechs und 30 Euro. Besucher*innen können selbst entscheiden, wie viel sie für eine Aufführung ausgeben möchten. Für viele Menschen sind Theaterbesuche ein Luxus. Das zeigte bereits 2017 die »Fast-Besucher«-Studie des Kölner Kulturamtes, die schon damals das Preisniveau der Eintrittskarten als ein Hindernis für den Theaterbesuch ausmachte und Korrekturen empfahl. Ob das solidarische Preissystem die Erwartungen einlöst, soll Ende Februar 2023 ausgewertet werden. Dann soll entschieden werden, ob es am Freien Werkstatt Theater dauerhaft eingeführt werden kann.