Schaut ganz genau hin: Octo Octa (rechts)

»Lass uns ­kommunizieren«

Octo Octa entwirft utopische Perspektiven für den Dancefloor

Gemeinsam mit ihrer Partnerin Eris Drew steht die amerikanische DJ und Produzentin Maya Bouldry-­Morrison aka Octo Octa für den Traum von einer Clubkultur, die mehr als nur ein weiterer Spielplatz des Spätkapitalismus ist. Ihre aktuelle Veröffentlichung, erschie­nen auf dem eigenen Label-Imprint T4T LUV NRG, trägt den hoffnungsvollen Titel »Dreams of a Dancefloor«.

Auch wenn die Tanzflächen dieser Welt schon immer zum ­Biotop der Freiheit und Gleichheit erklärt wurden, waren solche Behauptungen doch zumeist eher utopisch-träumerischer Natur und die Wahrheit sah männerdominiert anders aus. Auch in den Nullerjahren dieses Jahrhunderts waren Geschlechtergerechtigkeit und die adäquate Repräsentation von LGBTQ-Menschen für viele Booker (bewusst männlich gehalten, da vor allem cis-Männer) Fremdwörter. Dass sich zuletzt die Situation etwas gebessert hat, ist dem leidenschaft­lichen Beharren von Musikerinnen wie Maya Bouldry-Morrison und Eris Drew zu verdanken, die ihre Transgeschlechtlichkeit als Teil ihrer künstlerischen Identität begreifen und sich konsequent auf und neben der Dancefloors gegen Ausgrenzung und Unterdrückung ­einsetzen.

Während dieser Beitrag am Flughafen entsteht, glüht der ­Autor noch immer nach von den Erlebnissen beim »Making Time« Festival in Philadelphia, wo Maya und Eris am Eröffnungstag ein mitreißendes Set gespielt haben, das neben der exzellenten Track-Auswahl vor allem von der Begeisterung lebte, die die beiden tanzend und lachend hinter dem ­DJ-Pult ausstrahlen.

Den Willen, die Welt mit ihrer ­Musik zu verändern, prägt auch die neue EP von Maya Bouldry-Morrison, die unter ihrem Pseudonym Octo Octa erscheint. Die Stücke tragen Titel wie »Late Night Love«, »Let Yourself Go!« und »Come Here, Let’s Commune«, schlagen also den Bogen von hedonistisch-­ekstatischer Sehnsucht nach Zwei- oder Mehrsamkeit hin zu größeren sozialen Vereinigungsutopien, musikalisch transportiert mit euphorischen Klängen zwischen Trance-House, Breakbeats und Garage.

Die Produktionen von Maya Bouldry-Morrison bauen auf der Philosophie der »T4T LUV NRG«-Label-Partys auf: Einer Reihe, die sie gemeinsam mit Eris Drew konzipiert hat, seitdem  weltweit in verschiedenen Clubs umsetzt und in denen alle künstlerischen, persönlichen und gesellschaftspolitischen Stränge zusammenkommen, die ihnen wichtig sind. An diesen Abenden legen sie grundsätzlich immer von der ersten bis zur letzten Platte gemeinsam auf. Um zu garantieren, dass die Party ein safe space ist, ein Ort, an dem sich jeder wohl und sicher fühlen kann, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Alter, müssen die Clubbetreiber:innen und Promoter:innen im Vorfeld der Veranstaltungen Standards wie respektvollen Umgang des Türpersonals und geschlechterneutrale Toiletten zusichern.

Durch unsere Sets ­sollen all jene, die sich noch nicht geoutet haben, die Kraft dazu schöpfen können Maya Bouldry-Morrison

Dass den beiden diese Themen so wichtig sind, liegt in ihren eigenen Biografien begründet. Eris und Maya führten selbst ­lange ein Leben im Schatten ihrer eigenen Gefühle und kämpften damit, sich als transident zu ­outen. Musik hatte einen immensen Anteil daran, dass ihnen dieser Schritt nach langem Zögern  gelungen ist.

Alle Veröffentlichungen von Octo Octa sind autobiografisch ­gefärbt und repräsentieren sehr offenherzig die jeweiligen emotionalen Zustände im Leben von Maya. So konnte man auf ihrem zweiten ­Album »Where Are We Going?« immer noch die Unsicherheiten spüren, die ihr die Welt bereitete; erst mit dem letzten Album »Resonant Body« haben sich die dunklen Wolken verzogen, so dass sie das Narrativ einer glücklichen Protagonistin, die an ihre eigene Stärke glaubt und so über sich hinaus strahlen kann, ausrollen konnte.

Maya Bouldry-Morrison betont, wie wichtig es für sie ist, die queere Botschaft zu verbreiten: »Ich habe durch das Hören von Musik nach meiner Gemeinschaft gesucht. Lange Zeit fand ich da drau­ßen keine Repräsentation meiner Identität. Bis ich das von Terre Thaem­litz unter dem Namen DJ Sprinkles veröffentlichte Album ›Midtown 120 Blues‹ gehört habe, das eine in die Musik eingebettete trans-Geschichte erzählt. Wir versuchen mit unseren Sets auch, unser Leben zu verarbeiten, darüber zu sprechen und dies der Community gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Dadurch sollen all jene, die sich noch nicht ge­outet haben, die Kraft dazu schöpfen können.« Das Ziel sei aber noch lange nicht erreicht, merkt sie an, es müsse sich gesamtgesellschaftlich noch sehr viel ändern.

Tonträger: octoocta.bandcamp.com/album/dreams-of-a-dancefloor-ep