In Sachen Sehgewohnheit: Altmodisch aus Überzeugung, Foto: Gerhard Kassner

»Alles geht drunter und drüber«

Wim Wenders’ »Perfect Days« handelt von einem bescheidenen Leben in Tokio. Wir haben mit ­Wenders über Japan und das Soziale, über kleine Dinge und die große Utopie dahinter gesprochen

Herr Wenders, »Perfect Days« erzählt vom Alltag eines Toilettenreinigers in Tokio. Was hat Sie zu diesem Film inspiriert?

Zunächst einmal Heimweh nach Tokio. Ich war fast zehn Jahre nicht mehr da, hatte durch die Pandemie zwei mögliche Reisen verpasst. Dann kam die Einladung, mir die öffentlichen Toiletten anzuschauen, die bedeutende Architekten wie Tadao Ando aus Anlass der Olympischen Spiele 2020 in Tokio gebaut haben. Es interessierte mich, dass große Architekten so kleine Sachen bauen und diese dann der Allgemeinheit gehören. Wegen des Lockdowns kam niemand zu Olympia, diese Kleinode standen da, und niemand wusste es. Zunächst gab es die Idee, darüber einen Dokumentarfilm der machen. Diese Toiletten sind Tempel der Ruhe. Also wenn man ein stilles Örtchen braucht, kann man sich wirklich nichts Schöneres vorstellen. Aber ich hatte keine Lust, ein Fotobuch oder einen Dokumentarfilm über Klos zu machen, auch wenn es architektonische Mini-Meisterwerke sind.

Warum dann ein Spielfilm?

Weil ich dachte, es wäre schön, wenn man anhand der Häuschen mehr über Japan lernt und über den Stellenwert, den der Dienst an der Allgemeinheit dort hat. Der Wert des Gemeinwohls ist bei uns während der Pandemie gesunken, es gibt weniger sozialen Halt als je zuvor. In Japan waren die Menschen froh, dass allen wieder alles zugänglich war. Da kam mir die Idee, einen Spielfilm darüber zu machen, was für ein hohes Gut das Allgemeinwohl ist. Das Reinigen der Toiletten wird in Japan nicht als minderwertige Arbeit angesehen, sondern drückt eine fast spirituelle Haltung aus. Also haben wir die Figur Hirayama entwickelt. Mit Koji Yakusho kam ein Schauspieler hinzu, den ich verehre. Takayuki Takuma und ich haben ihm diese schöne Geschichte und die Rolle Hirayamas auf den Leib geschrieben.

Woher rührt Ihre Faszination für Japan?

In den 70er Jahren habe ich zum ersten Mal einen Film des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu gesehen. Ich kannte die Filmgeschichte, vorwärts und rückwärts, hatte Tausende Filme gesehen und selbst schon einige gedreht. Aber als ich zum ersten Mal Ozus Werke sah, wusste ich: Ich habe meinen großen Meister gefunden. Ich bin nach Japan, um am dortigen Filminstitut alles von ihm zu sehen, auch ohne Untertitel. So bin ich mit der japanischen Kultur in Berührung gekommen und fand mich sofort zu Hause in diesen Filmen und in diesem Land. Ich mochte, wie die Menschen miteinander umgehen und was für einen Stellenwert das Soziale hat.

Hirayama hört beim Autofahren britische und US-amerikanische Musik, vieles aus den 60ern und 70ern, Lou Reeds »Perfect Day«, auch »House of the Rising Sun« von den Animals. Später singt die Barbesitzerin den Song auf Japanisch, reduziert und melancholisch. Was steckt dahinter?

Ich wollte diese Musik verwenden, weil sie mit das erste war, was an westlicher Kultur nach Japan kam. Das Besondere an »House of the Rising Sun« ist, dass die Animals ihre Version des Songs ursprünglich über eine Frau geschrieben haben, die unter die Räder kam und in einem Bordell gelandet ist. Aber das war zu gewagt für die Zeit, und sie mussten es auf einen Typen umdichten. Im Film singt Sayuri Ishikawa die ursprüngliche Fassung, und ich musste beim Dreh selbst mit den Tränen kämpfen. Sayuri ist eine der berühmtesten Enka-Sängerinnen, also so etwas wie die Dolly Parton von Japan, ihre Stimme erkennt dort jeder sofort.

Mit großer Wehmut sehe ich, was man alles verpasst in dieser Kultur, die einem einredet, nichts verpassen zu dürfen

Ihr Film »Perfect Days« stellt poetische Fragen wie »Werden Schatten dunkler, wenn sie sich überlagern?« und »Warum kann nicht jeder Tag gleich sein?« Sind das Fragen, die Sie persönlich bewegen?

Ich habe schon versucht, einen utopischen Film zu machen in unserer gegenwärtigen Situation, wo uns solche Fragen zu entgleiten scheinen — und mir vorneweg! Ich bin arbeitswütig, habe immer einen zu vollen Kalender und greife ständig zum Handy. Aber ich merke inzwischen, das muss alles gar nicht sein, ich kann auch mal was auslassen. Mit großer Wehmut sehe ich, was man alles verpasst in dieser Kultur, die einem einredet, nichts verpassen zu dürfen. Vor allem die Aufmerksamkeit für das Heute, für das Hier und Jetzt und für das, was vor einem ist. Und das lebt einem dieser Hirayama in meinem Film sehr schön vor.

Weil er sein Leben freiwillig reduziert hat?

Dadurch kann er aufmerksamer wahrnehmen, was um ihn herum ist. Er sieht das Schöne, die Baumblätter, die er so gerne fotografiert etwa. Das ist natürlich das Utopische an »Perfect Days«, weil es uns nicht gelingen wird, wie Hirayama zu werden. Aber vielleicht können wir ein bisschen von ihm lernen. Im Japanischen gibt ein schönes Wort: »Komorebi«. Im Deutschen braucht man viele Sätze, um seine Bedeutung zu erklären: Wenn die Sonne Licht durch die Baumblätter wirft und an der Wand oder auf dem Boden ein Schattenspiel zu sehen ist. Ein vergängliches Schauspiel. Jedoch nur für den, der aufmerksam ist und hinschaut. Wie Hirayama, der die Bäume liebt. Diese Aufmerksamkeit für das Vergängliche und die kleinen Alltagsdinge täte uns allen gut.

Mit großer Lebensfreude verläuft jeder seiner Tage in derselben Routine. Sind Sie auch ein Gewohnheitsmensch? Haben Sie Morgenrituale?

Ich wünschte, ich hätte sie. Ich sehne mich immer schon nach Routine. Darum mag ich Dreharbeiten gerne. Frühmorgens klingelt der Wecker und dann läuft es nach Plan. In meinem Alltag läuft nichts nach Plan. Aber wenn ich arbeite, bin ich meist zwei Minuten vor dem Wecker wach.

»Perfect Days« lief im Wettbewerb von Cannes und geht als japanischer Beitrag ins Oscar-Rennen. Dabei ist es ein Film von geradezu zarter Bescheidenheit. War Ihnen bewusst, dass er einen Nerv treffen könnte?

Gerade geht alles drunter und drüber — in der Welt wie in der Filmbranche. Es findet ein großer Kulturumbruch statt, wie wir mit Bildern umgehen — und was uns Bilder bedeuten. Da finde ich es sehr schön, etwas zeigen zu können, das in gewisser Weise fast altmodisch ist. Ich glaube, dass mein Film einen Platz hat, gerade auch, weil er ein Gegenbild zu vielem ist und weil er eine Art von Kino hochhält, das ziemlich in Gefahr ist. Aber trotz Digitalisierung und der Beliebigkeit des Streamings wird es immer ein Erzählen in Bildern geben, auch wenn sich unsere Art, sie zu rezipieren, weiter verändert.

D/J 2023, R: Wim Wenders, D: Koji Yakusho, Tokio Emoto, Arisa Nakano, 125 Min.