Kitas vor dem Kollaps

Den Kitas fehlt das Personal, den ­Einrichtungen freier Träger zudem das Geld: So ist statt frühkindlicher ­Bildung höchstens noch Verwahrung ­möglich, klagen Eltern und Erzieher. Was wird in Köln gegen den Notstand getan — und was müsste darüber ­hinaus passieren?

Kurz vor Weihnachten bekamen die Eltern von Kölner Kita-Kindern ein Schreiben vom Jugendamt. In vielen Kitas sei »nur eine eingeschränkte Betreuung« möglich, bedauerte darin Amtsleiterin Dagmar Niederlein: »Die Lage ist von wirklich historischem Ausmaß und wir möchten Ihnen versichern, dass wir mit großer Anstrengung alles daran setzen, die Situation zu verbessern«.

Doch Hoffnung auf Besserung kann Niederlein nicht machen, im Gegenteil: Das dreiseitige Schreiben endet mit der Ankündigung, ab dem 1. Januar die Betreuungszeiten in Fünf-Stunden-Schritten abzusenken, sollte die »personelle Mindestbesetzung« unterschritten werden. Schon jetzt kann kaum noch eine städtische Kita die vereinbarten Betreuungszeiten verlässlich einhalten, weil die Fachkräfte fehlen.

Auch die städtische Kita Weidengasse kann statt der vereinbarten 45 Stunden seit mehr als einem Jahr nur noch 37,5 Stunden Betreuung pro Woche bieten — und bei Krankheitswellen oft noch deutlich weniger. »Wir ­haben hier alleinerziehende Eltern, die das in existenzielle Nöte bringt«, so Elternbeirat Hakim Fakhir. »Sie können es sich schlicht nicht leisten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, und das Verständnis der Arbeitgeber lässt inzwischen deutlich nach.« Der Brief der Stadt habe seine Besorgnis »auf ein neues Niveau gehoben«. Er ärgert sich, dass die Stadt »immer nur mit Stundenreduzierungen ankommt, statt Alternativlösungen zu priorisieren, die das Wohl unserer Kinder und deren Familien in den Mittelpunkt stellen«. Fakhir nennt Maßnahmen, die sich etwa im »Sofortprogramm Kita« des Landes NRW vom Februar 2022 finden: mehr Plätze für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Kitas schaffen, das Projekt der »Integrations­begleiterinnen« ausweiten — das sind Frauen mit eigener Zuwanderungsgeschichte, die das pädagogische Personal unterstützen — und insgesamt den Quereinstieg fördern.

Die Lage ist von historischem AusmaßDagmar Niederlein, Jugendamtsleiterin

In Köln gibt es mehr als 700 Kitas, davon 217 in städtischer Trägerschaft. Allein in den städtischen Einrichtungen sind nach Angaben der Stadt rund 200 Stellen aktuell nicht besetzt. Man befürworte eine Öffnung für den Quer­einstieg ausdrücklich, so ein Stadtsprecher. Doch bislang habe das Land die Personalverordnung nicht entsprechend angepasst: »Die Stadt Köln und die Spitzenverbände sind darüber mit dem Land weiter im Austausch.« Zudem bewerbe man aktiv pädagogische Berufe und verbessere die Arbeitsbedingungen vor Ort. Die Ausbildungs­plätze habe man in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt, weitere Erweiterungen seien in Planung.

Doch all die Maßnahmen könnten den Fachkräftemangel nur abmildern, nicht kompensieren, sagt Dagmar Niederlein vom Jugendamt. »Man wird es nur mit mehr Quereinsteigern als Ergänzungskräfte schaffen«, glaubt auch Ralf Heinen (SPD), Vorsitzender des Jugendhilfeausschuss. Doch einen entsprechenden Vorschlag von SPD und FDP, wie in Aachen eine Quote von 20 Prozent sogenannter Ergänzungskräfte in Kitas vorübergehend zuzulassen, lehnte der Jugendhilfeausschuss im September ab. Laut aktuellen Bevölkerungsprognosen wird die Zahl der Kinder in Kitas und Schulen ab dem Jahr 2030 wieder sinken. »Meine Befürchtung ist, dass man das Problem bis dahin einfach aussitzt«, so Heinen.

In keinem anderen Bereich ist die Personalverordnung so streng wie in Kitas; Mitarbeiter ohne pädagogische Ausbildung sind dort prinzipiell nicht erlaubt. Zwar wurden Kitas im vergangenen Jahr etwa für Musik- und Kunstpädagogen geöffnet, doch dies brachte kaum Besserung. Der Streit um die Öffnung für einen »echten« Quereinstieg fachfremden Personals geht weiter. Zugelassen und seit der Pandemie verstärkt im Einsatz sind jedoch sogenannte Alltagshelfer, die etwa beim Küchendienst helfen sollen.

Fabia Fischer hat zweieinhalb Jahre als Alltagshelferin in verschiedenen Kitas gearbeitet, inzwischen wurde die studierte Psychologin als Fachkraft anerkannt. Ihre Tätigkeit, sagt sie, habe sich jedoch kaum verändert. »Auch als Alltagshelferin habe ich mit den Kindern gearbeitet«, sagt sie. Zuvor hat sie im Schnitt 12 Euro pro Stunde verdient, jetzt wird sie nach Tarif bezahlt — nach mehreren Tariferhöhungen findet Fischer das Gehalt nun »gut auskömmlich«. »Man startet mit 3100 Euro brutto — das finde ich im Vergleich mit anderen Ausbildungsberufen wirklich okay.« Fischer sieht die Politik in der Verantwortung, den Job realitätsgetreuer und damit auch besser darzustellen. »Es ist ein toller Beruf! Trotzdem ist der Status noch immer gering, das merke ich oft, wenn ich mit anderen darüber spreche.« Aber nicht nur der Einstieg in den Job, auch das Durchhalten birgt Schwierigkeiten: »Ich höre von einigen, die den Job vor allem in städtischen ­Kitas hinschmeißen, weil sie ständig alleine oder zu zweit mit 20 Kindern sind.« Pädagogisch arbeiten könne man so nicht mehr: »Das ist dann Verwahrung.« Wenn eine Kita sich einmal in einer Abwärtsspirale befinde, sei es schwierig, wieder herauszukommen: »Wenn der Krankenstand hoch ist, werden die Bedingungen für die verbleibenden Erzieher noch schwieriger. Dann fallen nach und nach immer mehr aus.«

Während die städtischen Kitas vor allem mit Personalmangel zu kämpfen haben, droht den freien Trägern zusätzlich der finanzielle Kollaps. Ab März steigen laut Tarifvereinbarungen die Gehälter der pädagogischen Mitarbeiter um durchschnittlich elf Prozent. Die Pauschalen, die das Land pro Kind in NRW bezahlt, sind im Sommer 2023 aber nur um 3,46 Prozent gestiegen. Erst ab dem neuen Kitajahr ab Sommer 2024 werden die Fördermittel um 9,65 Prozent erhöht. »Viele Träger sind schon mit einem erheblichen Defizit in das aktuelle Kita-Jahr gestartet«, sagt Holger Dehnert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. In Köln sind knapp 170 Kitas unter dem Dachverband als selbstständige Einrichtungen organisiert, darunter viele Eltern-Initiativen. Dehnert schätzt, dass viele der beim Paritätischen organisierten Träger ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung das laufende Kita-Jahr nicht bewerkstelligen könnten. »Wenn nicht noch mehr Mittel kommen, wird es Insolvenzen geben«, so Dehnert, der seit 22 Jahren beim Paritätischen arbeitet. »So ernst wie jetzt war es noch nie.«

Das Land hat eine einmalige Überbrückungshilfe von 100 Mio. Euro für die Kitas freier Träger verabschiedet. Nach Ansicht von Wohlfahrtsverbänden wird das rund ein Viertel der tatsächlichen Mehrkosten decken. Nach Protesten von Kita- und OGS-Mitarbeitern und zwei Schließtagen im November beschloss auch der Rat der Stadt Köln im Dezember, den »Strukturförderfonds« für 2024 von fünf auf zehn Mio. zu verdoppeln. Die neue Bettensteuer für Geschäftsreisende soll die Kosten auffangen. Das Geld ist jedoch nicht nur für Kitas, sondern für zahlreiche soziale Einrichtungen vorgesehen. Der Ratsbeschluss fordert aber die Verwaltung auf, eine ausreichende Finanzierung für Kitas und OGS sicherzustellen. »Gut, dass viele politische Verantwortliche endlich verstanden haben, dass sie etwas tun müssen. Es wird aber nicht ausreichen«, so Dehnert. Er verweist darauf, dass städtische Kitas teurer für die Stadt sind als Einrichtungen freier Träger, weil die Stadt bei den eigenen Kitas den Trägeranteil selbst zahlen muss. »Es sollte auch ein finanzieller Eigenantrieb der Stadt sein, die Träger zu erhalten.«

Die Personalnot dagegen sei schwer zu lösen - auch bei den freien Trägern. Lange Zeit galten sie als etwas besser ausgestattet als städtische Kitas. »Inzwischen gibt es kaum noch Unterschiede«, so Dehnert. Stadt und Land könnten aber durch zusätzliche Mittel die Träger in die Lage ­versetzen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, etwa, indem sie die pädagogischen Kräfte noch stärker von nicht-pädagogischer Arbeiten entbinden oder regelmä­ßige Superversion anbieten. Kurzfristig Personal gewinnen könne man auch, indem die Träger neben 35- und 45-Stunden-Verträgen auch 40 Stunden anbieten dürften. »Das würde insgesamt Personal freisetzen. Dafür braucht es aber eine Gesetzesänderung.«

Die Bildungsver­einbarung können wir uns unter diesen Bedingungen in die Haare schmierenWalli Esper, Kita Drachennest

Walli Esper leitet seit vielen Jahren die Elterninitiative »Drachennest« in Ehrenfeld, sie freut sich über die Tariferhöhungen, jedoch: »Viele freie Einrichtungen können da nicht mitgehen. Jetzt geht die Angst um, dass sie Personal an die besser zahlenden städtischen Kitas verlieren.« Seit Jahren müsse man sparen, etwa an Fortbildungen. »Die Bildungsvereinbarung können wir uns unter diesen Bedingungen in die Haare schmieren.« Quereinsteigern steht sie skeptisch gegenüber. »Fachkräfte können nicht ersetzt werden«, so Esper. »Das kann nur eine kurzfristige Lösung sein — aber auch das nur, wenn das Problem gleichzeitig an seinem Ursprung angepackt würde.« Esper sieht ihn im Kinderbildungsgesetz mit seinem Pauschalsystem — und den schlechten Arbeitsbedingungen. »Es ist ein Beruf mit enormer Verantwortung und einem hohen Maß an körperlicher, geistiger und emotionaler Präsenz, der nur schleppend finanzielle Anerkennung und Wertschätzung erfährt.«

In Köln werden in den kommenden fünf Jahren 232 Kita-Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Es sei damit zu rechnen, so ein Stadtsprecher, dass darüber hinaus Mit­arbeiter freiwillig früher in den Ruhestand gehen möchten. »Deren Zahl ist natürlich nicht vorhersehbar.«