Die Autonomen are back in town

Von Linus Volkmann

King Cobra hämmert gegen die massive Zellentür, von der an vielen Stellen bereits der graue Lack abgeblättert war, vermutlich ist er nicht der erste, der diesem Ding seine traurigen Fäuste zu schmecken gibt. Er brüllt denen, die er auf der Sonnenseite der Tür vermutet, zu: »Es ist doch Weihnachten! Warum gönnt ihr Unmenschen mir keinen Hafturlaub?« – »Hafturlaub?« höhnt es nach kurzer Zeit dann tatsächlich von drüben, »Hafturlaub? Mit Verlaub, Sie sind hier in einer Ausnüchterungszelle.«

King Cobra hat sich das alles angehört, er denkt ratlos: »Was, Ausnüchterungszelle?« Der Scheißstaat macht mal wieder ganz schön Druck. Er nimmt also Platz auf der dafür hergerichteten Pritsche. Der Einmeterneunzig große, unglückliche Chaostage-Veteran überlegt, wie es zu dem hier hat kommen können. Und warum steht auf der Decke, die ihm Vater Scheißstaat hier drinnen zudenkt, »Eigentum der Stadt Bremen«? Kommt er nicht aus Hamburg? Noch ehe er diese Ungereimtheiten mühsam ausgeknobelt hat, überfällt den jungen Mann ein seltsamer Schauer. Er erinnert sich ...

... Es musste der Vorabend vor Heiligabend gewesen sein. King Cobra hatte eine Gang von Quasi-Studenten und Freelancern, die auch putzig und gegen die Gesellschaft waren, aufgesucht. Gegen die Gesellschaft – Kunststück, schließlich lebten sie in Bremen. Also Bremen, Krawallcity No.1. Nicht zu verwechseln natürlich mit Hannover, Chaoscity No. 1. Letztere hatte sich als Gastgeber von Expo und Chaostagen gepusht, während die Hansestadt Neujahrskrawall- und Einheitsfeier-Verhinderungs-Fame besaß. Schade, dass solche Facts bei »Wer wird Millionär?« nie abgefragt wurden. King Cobra saß jedenfalls mit den Heinis rum. Auf einem komischen staubigen Sofa in einer knarrenden Altbau-WG. Es gab Streit.

Streit, wie man auf diesen verzaubernden Umstand reagieren könne, dass plötzlich Weihnachten war. Das hielt die Nachbarn um einen rum in Atem, und irgendwie wollte man da doch auch ein Stück vom Kuchen. King Cobra ließ sich eine der großen, braunen, ermüdenden Bierflaschen anreichen, sagte aber motiviert: »Wir entglasen einen Pelzladen, ganz klar!«, dann stand er auf und wollte zur Tür.

Niemand der sechs, acht Bremer folgte ihm. Er stutzte. Cobra: »Pardon?« Einer mit Plastikperlchen in seinem adretten Dreadlock-Berg gab zurück: »Das hat doch höchstens mit Winter zu tun, aber nichts mit Weihnachten.« King Cobra wurde leicht ungeduldig: »Sind wir hier bei der Motto-Nacht des Fachbereichs Soz-Päd?« Die Stimmung hatte bereits was Eisiges, Cobra hoffte, das läge vielleicht doch nur daran, dass sich diese Altbaubuden nie richtig heizen ließen, musste dann aber hören: »Warum gehen wir nicht in die Fußgängerzone und machen Ärger vorm Tchibo, weil es so nervt, dass die jedes Jahr früher mit der Weihnachtsdeko anfangen.«

Zu Kings Verwunderung wurde nicht gebuht. Sondern es erscholl Schulterklopfen, Rucksackschnüren und das Tätscheln großer WG-Mischlingshunde. Aufbruch. King Cobras bebende Stimme versuchte, den stumpfen Konsens zu beharken: »So einen denkfaulen Verbraucherschutz-Quark benutzt ihr hier, um Aktionen zu legitimieren? Da bin ich ja eher noch auf der Seite von Tchibo. Und gewöhnt euch daran, dass dieser Allgemeinplatz, die Läden würden jedes Jahr noch früher mit der Weihnachtsdeko beginnen, ein nachgeplappertes Unding ist.«

Die Anderen hatten zwar kurz noch mal ihre Rucksäcke und Mäntel abgesetzt, von Einsicht aber keine Spur. Stattdessen: »Du wirst Dich schon entscheiden müssen, Alter, die Autonomen oder Tchibo«. King Cobra bahnte sich wütend seinen Weg durch die Gruppe. Bloß raus. Auf dem Absatz drehte er sich noch mal kurz um. »Händigt mir wenigstens meine Flasche Hochprozentiges aus. Die wird mein Molly!« Ungastlich erwiderte wieder der mit dem Dread-Berg: »Kannste haben. Wir werfen eh keine Mollies und trinken nur Bier«. So sahen die auch aus, dachte Cobra im Treppenhaus.

Draußen lief er durch das eiskalte Bremen. Mist. Er überlegte, ob man auch die Eisdiele hassen sollte, die sich saisonweise den Laden mit dem Pelzgeschäft teilte. Hm. Seine Gedanken schweiften ab. Nicht hupen, King Cobra träumt von Spaghetti-Eis. Da hörte er was in einem Baum. Anscheinend ein dickes Tierbaby. In Not? Er ging mal hin. Aha, dickes Tierbaby Marke Katze. Cobra beschloss, es unverzüglich zu retten. Und stieg ächzend rauf. Wie Reinhold Messner ohne Zehen. Nach einer Viertelstunde befand er sich auf dem zentralen Ast. Der offene Wodka in seinem Parka hatte sich dabei fast völlig in sein Jackenfutter ergossen und die Katze war schon lange weg. Aber Hauptsache man war ein Held.

Cobras Arme und Beine umklammerten den Ast. Er hing leidlich unbequem und irgendwie kopfüber. Unten näherte sich eine Gruppe Polizisten mit derben Gesichtern. »Was machen Sie da oben?« – »Ihren Job!« antwortete der King ehrlich. Auf die Polizisten tropfte etwas von seinem Jackenwodka. Sie gingen ein wenig zur Seite. Dann geschah eine ganze Weile gar nichts.

Dann: King Cobra rief ihnen von oben ziemlich überraschend zu: »Ich komme!« und hatte sich dabei auch entschieden vom Ast losgesagt. »Hey, fangt mich bloß!« verlangte King Cobra unheilsahnend und in die Tiefe stürzend, während die Polizisten nur feige auseinander stoben. Kurz vor dem Aufprall bereute King Cobra, dass er losgelassen hatte, sehr – war aber dennoch auch zu stolz, um sich irgendwie groß mit den Händen abzufangen zu versuchen. Er war doch schließlich kein verblödeter Sportler. Dann wurde es über die Maßen schmerzhaft, dann dunkel.

Und jetzt, jetzt saß er also hier rum. Gefangen, geknechtet und »Eigentum der Stadt Bremen«. Mensch, das war doch nicht Weihnachten, das hier war doch scheiße.



Info

Linus Volkmann wurde 1973 in Frankfurt / Main geboren. Lebt mittlerweile in Köln und arbeitet als Redakteur für das Magazin Intro.
Zuletzt erschienen:
Heimweh To Hell, Ventil Verlag, Mainz 2003
King Cobra auf dem Ponyhof,
in: Welt und Wissen, Geschichten- und Bilder-Anthologie von
Jim Avignon, Verbrecher Verlag, Berlin 2003


Die Weihnachtsgeschichten von Dana Bönisch, Guy Helminger, Roswitha Haring und Selim Özdogan stehen exklusiv in der altuellen StadtRevue.