Deutz, Insel der Träume

Ausgerechnet das kleinstädtische Deutz scheint die Städteplaner zu immer neuen visionären Höchstleistungen zu inspirieren. Wie lebt man in der ­rechtsrheinischen Innenstadt, wo Gigantomanie und kleinbürger­liches Flair zusammenkommen?

Dunkel, schrabbelig, eng — das war mein Eindruck, als ich 2000 nach Deutz kam. Vor allem eng. Schon die Suche nach einem Platz für mein Rad erwies sich als Heraus­for­derung. Der Gehsteig vor dem Haus maß die übliche Deutzer Elle, so dass die Lenkstange eine Verbindung zwischen parkendem Auto auf der einen und Hauswand auf der anderen Seite herstellte. Flanieren auf dem Trottoir — passé! Nächster Versuch: der Innenhof, immerhin halb so groß wie ein Fußballfeld. »Dat muss fott he!« Eine Ur-Deutze­rin war aus dem Nichts aufgetaucht. »Isch han’ne dicke Mercedes, isch bruch dä janze Plaatz he!« Bereits bei ihrer vollschlanken Karrosse angelangt, stellte sie das Konzept des Shared Space noch grundsätzlich in Frage: »Mer sin he nit in Holland!«. Ein Hinweis, der mir angesichts eines Fahrrads auf hundert Autos noch länger zu denken gab.

In der Nacht schlief ich unruhig. In aller Frühe schreckte ich hoch: dumpfe Trommelschläge auf der Straße. Ich sprang ans Fenster: Eine Gruppe Maskierter in rotweißen Streifenuniformen hielt im Morgendunst auf meine Wohnung zu. Sie kamen mich zu holen, wie mir schien. Ich sollte von hier fortgeschafft werden. Nach Holland? 

Natürlich weiß ich, dass sich die Düxer Clowns keiner anderen Mission als dem Spass aan dr Freud verschreiben würden, wenn ich auch bis heute nicht verstehe, warum sie bisweilen weit außerhalb der Session und zu sehr frag­­wür­digen Tageszeiten durch die Gassen geistern. Was ich aber gleich erkannt habe: Schein und Sein, Illusion und Desillusion treiben ein Spiel mit Deutz, und zwar schon lange.

Der Rhein, von Ost nach West 400 Meter breit, scheint von West nach Ost die Ausdehnung des Ärmelkanals zu haben

Die erste Krümmung der Realität bekommt jeder Neu-Deutzer schnell zu spüren: Der Rhein, in Ost-West-Richtung 400 Meter breit, scheint in West-Ost-Richtung die Ausdehnung des Ärmelkanals zu haben. Freunde, Bekannte, Kollegen von der atlantischen Seite der Stadt gehen davon aus, dass man in Deutz fernab des Geschehens lebe. Was den Bewohnern der Rive Gauche kaum nahezubringen ist: Deutz ist Teil der Innenstadt — politisch, postalisch, historisch und, was seine Bewohner angeht, auch gefühlt. Die Entfernung zum Wiener Platz im benachbarten Mülheim ist kaum kürzer als die zum Neptun- oder Wilhelmplatz. Chlodwig-, Rudolf- und Ebertplatz sind schon deutlich näher, die City ist fußläufig zu erreichen. Der Deutzer Bahnhof ist der am besten vernetzte Nahverkehrs­knoten der Stadt. Wer hier wohnt, erreicht fast jeden Teil der Stadt ohne umzusteigen.

Zweifellos ist der Rhein aber auch eine Barriere. Nicht umsonst empfiehlt der 2008 verabschiedete städtebauliche Masterplan für die Innenstadt zwei neue Fußgänger- und Fahr­rad­­­brücken, um die beiden Enden der Ringe mit Deutz zu verbinden. Doch obwohl diese Idee, gemessen an all den Deutz-Visionen der letzten Jahrzehnte, eher bodenständig ist, mag sich der Glaube an ihre Umsetzung nicht einstellen. Dabei sind die Hohenzollern- und Deutzer Brücke dem Ansturm der Radler kaum noch gewachsen. Kommt noch eine der regelmäßigen eventbedingten Brückensperrungen hinzu, wird man in Deutz zum Insulaner.

Denn: Auch zu Lande ist Deutz umschlossen von einem Kranz nur schwer passierbarer urbaner Funktions­flä­chen. Im Norden das ausgedehnte Messegelände, das Geflecht aus Autobahn­zubringern rund um die Zoobrücke und das riesige Bahngelände »Deutzer Feld«. Im Osten der untertunnelte Komplex aus Arena und Stadthaus, das gestrandete Raumschiff der Technischen Hochschule und noch mehr Autobahn­zubringer. Im Süden schließlich weitere Gleiskörper und das (noch) nicht zugängliche Hafengelände. Fünf der acht Kölner Brücken münden in Deutz. Gewaltige Verkehrsströme müssen aufgenommen und organisiert werden.

Hier soll hin, was der Metropole Strahlkraft verleiht, vor Ort aber nervt

Spricht man von »Deutz«, geht es also um zwei sehr verschiedene Stadträume: Das innere Deutz ist mit seinen 16.000 Einwohnern ein durchschnittliches Kölner Veedel. Oberflächlich betrachtet ändert sich hier viel weniger, als es die immer neuen »Deutz kommt!«-Rufe vermuten ließen. Dass sich die Hälfte der Bevölkerung über die letzen zehn Jahre erneuert hat, dass das alteingesessene kölsche Kleinbürgertum mehr und mehr den »städtischen Gentri­fizie­rern« weicht, dass die Mieten steil nach oben gehen: All das unterscheidet Deutz nicht von anderen Vierteln. Dennoch hinterlässt das erstaunlich wenig Spuren, etwa auf der kleinen Ein­kaufsmeile Deutzer Freiheit oder in der Gastronomie. Für Soja-Latte oder Szenelokale ist Deutz kein gutes Pflaster.

Das andere Deutz dagegen ist der breite äußere Rayon, der stets aufs Neue als stadtplanerische Projek­tions­fläche herhalten muss. Zentral gelegen und doch weiträumig — hier soll hin, was der Metropole Strahlkraft verleiht, vor Ort aber nervt. Wer wollte schon ein Messe­gelände in Domnähe? À propos, das Musicaltheater — für Deutz doch ein Gewinn! Oder so ein grober Stadthaus-Klotz im Spät-Erftkreisizismus — rechtsrheinisch sieht der noch gut aus! Arena? Hm, viel Verkehr, besser nach Deutz, da gibt’s viele Straßen! Spielcasino? Ist albern, bringt aber hoffentlich Geld. Rüber nach Deutz! Und so weiter.

Bemerkenswert ist, wie wenig dieses äußere Deutz im inneren stattfindet. Wer etwa wegen des hier ansässigen Privatsenders RTL darauf spekuliert, beim Cocktail-Schlürfen von Dieter Bohlen entdeckt zu werden, dem muss man zum Ortswechsel raten. Die »Essigfabrik«, das »Gebäude 9« und das »Bootshaus« – die beiden letzteren liegen schon in Mülheim – locken durchaus Menschen über den Rhein. Vorgeglüht oder abgesackt wird aber nicht in Deutz. Und wo um alles in der Welt futtern eigentlich Tausende TH-Studenten ihren Döner komplett? Welche Wege verbar­rikadieren sie mit ihren Rädern, und wo lassen sie ihre Master­arbeiten binden? 

Fahrzeug abstellen, Pappbecher auch, Blase entleeren, und dann: Go West! Die wahre Gaudi muss linksrheinisch steigen

Wenden wir uns den schönen Seiten zu, denn die hat Deutz auch zu bieten: Vater Rhein, Ol’ Man River — manch Ehrenfelder*in soll ihn kaum einmal im Monat zu sehen kriegen —, ER ist immer präsent! Jeder, der ein großes Gewässer in seiner Nähe hat, weiß, was das wert ist. Im Norden der gezähmte Rheinpark, im Süden die wunder­ba­ren, naturbelassenen Poller Wiesen, in der Mitte der Rhein­boulevard. Dessen neue Freitreppe gehört zu den wenigen tatsächlich umgesetzten Visionen und ist gelungen. Den glatten, ­warmen Beton unterm Hintern, Altstadtpanorama und Abend­sonne im Gesicht, Spanisch, Amerikanisch und Arabisch in den Ohren, Gummibärchen-Duft aus tausend und einer Shisha in der Nase: Hier scheint der Brüsseler Platz sein migrantisches Pendant gefunden zu haben.

Und dann gibt’s Feuerwerk! Es gibt einfach immer Feuerwerk: Eröffnung Kirmes, Abschluss Kirmes, Eröffnung Tanzbrunnen-Saison, Abschluss Tanzbrunnen-Saison, Feuerwerk vor der Arena, auf dem Partyschiff, bei den »Kölner Lichtern«. Das ist bald ähnlich prickelnd wie jeden Tag Champagner. Als Deutzer ist man gut beraten, das mit dem Feiern aus der Perspektive des Dienstleisters zu betrachten. An den Wochenenden etwa erreicht Zug um Zug aus den feuchten, waldreichen Gauen der Repu­blik den Deutzer Bahnhof, um immer neue Jungmänner- oder »Mädels«-‌​Trüppchen auszuspucken. Zu Prinzessinnen gekrönt oder in Motto-Shirts gezwängt (»Mirko’s letzter Tag in Freiheit«) werden auf dem Vorplatz sogleich Opfer gesucht, die sich durch den Erwerb von Penis-Keksen oder farbenfrohen Kondomen freikaufen müssen. Ein Testlauf, versteht sich. Wenn’s klappt, geht’s über die Brücke: Die eigentliche Gaudi kann nur linksrheinisch steigen. Das sehen auch Marathonläufer oder Gay-Pride-Teilnehmer so. Deutz ist Start- und Sammelplatz. Hier wird das Fahrzeug abgestellt, der Pappbecher auch, die Blase noch mal entleert, bevor es dann heißt: »Go West!«

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Ach, übrigens: Deutz kommt! Das neue Viertel um den Deutzer Hafen wird nämlich nicht der nächste städte­bau­liche Autist, sondern ein lebendiges Stück Stadt am Wasser, ein bisschen so wie Amsterdam oder Kopenhagen. Und die neue TH wird ein echter Teil des Veedels: Cafés, Imbisse und Copy-Shops siedeln sich an, schließlich sind Studenten immer noch Studenten! Und die Messecity wird nicht die nächste austauschbare Auftürmung immergleicher Glasbauten für Versicherungen und Kanzleien, sondern ein internationales Geschäftsquartier, in dem sich Menschen aus aller Welt zur Mittagspause am Rhein verabreden. Die beiden Fahrradbrücken werden errichtet, und nicht mit Verweis auf das hervorragend ausgebaute Kölner Radnetz und die ungleich wichtigeren Investitionen in den kollabierenden Autoverkehr als schöne Fantasie ad acta gelegt. Und an Stelle des Casinos, dem völlig überraschend die Kundschaft ausblieb, kommt … Stop! — die Visionäre sollen auch noch was zu planen haben.

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Eng und schrabbelig; Spass aan dr Freud im Verkehrs­knoten; ganz große Ankündigung und ganz maue Um­­set­zung; internationale Strahlkraft und provinzielle Selbst­bezogen­heit — ist Deutz am Ende gar das Köln Kölns?